Ein Gespräch mit Rita Famos, Präsidentin der Schweizer Reformierten und der GEKE
Im Konzert des Protestantismus sind die Reformierten in der Schweiz eine besondere Stimme. Was ist ihr Profil und woraus besteht ihr Beitrag zur Ökumene? Darüber sprachen wir mit Rita Famos, der Präsidentin der Reformierten Kirche in der Schweiz, die derzeit auch die Präsidentin der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist. Die Fragen stellte STEFAN ORTH von der Herder Korrespondenz. In diesem Heft ist das Interview erschienen.
Frau Präsidentin Famos, in Deutschland musste man mühsam lernen, dass der Reformation vor 500 Jahren allein mit dem Blick auf Martin Luther nicht angemessen gedacht wird. Wie schauen Sie als oberste Schweizer Reformierte auf das Reformationsgeschehen?
Rita Famos: Tatsächlich besteht der große Unterschied bei den Schweizer Jubiläen darin, dass wir in den Kantonen beziehungsweise Regionen über einen Zeitraum von 25 Jahren feiern. Darin spiegelt sich der geschichtliche Verlauf der Reformation wider. Diese verlief bei uns dezentraler und pluraler. Die verschiedenen Reformationsjubiläen zeigen eindrücklich den gesellschaftlichen Impact der Reformation in den verschiedenen Gebieten auf. In diesem Jahr feiern wir beispielsweise in Zürich 500 Jahre Prophezey. Zwingli hatte damals Theologen zusammengerufen, die gemeinsam die Bibel übersetzten: Jeden Morgen trafen sie sich, um einen Bibeltext zu übersetzen und zu diskutieren. Am selben Tag wurde dann am Nachmittag über diesen Text gepredigt. Das war die Keimzelle der Universität Zürich. Das Beispiel zeigt die Schubkraft und Bedeutung der Reformation für die Bildung. Zur selben Zeit wurden die Kirchengüter an die politischen, also kommunalen Räte übergeben, die mithilfe der Erlöse in Zürich und andernorts eine rudimentäre staatliche Armenfürsorge etablierten. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit das, was wir heute als staatliche Sozialpolitik und Sozialhilfe kennen. Ein dritter wirkmächtiger Impuls der Schweizer Reformation betrifft die Gleichstellung der Geschlechter. Auch in der Schweiz dauerte es sehr lange bis zur rechtlichen Gleichstellung und der ersten Frauenordination: Erste Impulse stammen aus der Reformationszeit, allen voran mit den rechtlichen und sozialen Absicherungen der Frauen im staatlichen Eherecht, das bezeichnenderweise eine der ersten politischen Konsequenzen der Zürcher Reformation darstellte.
Mit welchen Konsequenzen für uns heute?
Famos: Die Reformation in der Schweiz zeichnete sich durch eine Neubestimmung der Arbeitsteilung zwischen Kirche und Staat aus. Die Kirche übertrugAufgaben und Kompetenzen an den Staat und baute eigene Bereiche systematisch aus. Damit wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt, die uns heute als demokratische und partizipative Strukturen von Staat und Gesellschaft selbstverständlich sind. So konnte etwa jede Gemeinde in Graubünden selbst entscheiden, ob sie beim alten Glauben bleiben oder zum neuen Glauben übertreten wollte. Es handelte sich, wenn man so will, um Volksbefragungen, aus denen das heutige schweizerische Institut der Volksabstimmungen hervorgegangen ist.
Was hat sich im Laufe der 500 Jahre so gewandelt, dass es heute wesentlich für die Identität der reformatorischen Kirche in der Schweiz ist?
Famos: Natürlich sprechen wir von Anfängen und Entwicklungen, aber die drei genannten Linien – Bildung als Bedingung für demokratische Beteiligung, staatliche Verantwortung und gesellschaftliche Solidarität als Bedingungen für Eigenverantwortung und soziale Gerechtigkeit durch Abbau von Hierarchien – bilden zentrale Eckpunkte für gesellschaftspolitische Prozesse, die in die liberale Schweiz von heute gemündet sind. Zwei Aspekte möchte ich gesondert hervorheben: Wesentlich für das reformierte Verständnis des Glaubens ist die Mündigkeit und Eigenverantwortung der einzelnen Person. Die Kirche ist der Lernort, Mitteilungsraum und die feierliche Gemeinschaft des Glaubens, aber nicht die Vermittlungsinstanz zwischen Gott und der gläubigen Person. Im Glauben verbindet sich Gott selbst mit der Person, ohne über die Bande des Klerus und der Kirche zu spielen. Das hat ambivalente Konsequenzen, allen voran in der Frage, ob es die Kirche für den persönlichen Glauben überhaupt braucht, und in der Tatsache, dass die Schwelle für den Kirchenaustritt bei den Reformierten statistisch niedriger liegt als in anderen Konfessionen. Natürlich ist für Reformierte die Kirche aus den eben genannten Gründen so unverzichtbar wie für ihre Schwesterkirchen, aber die Betonung der Glaubensmündigkeit der Person ist ein konstitutives Merkmal reformierter Theologie. Der zweite Aspekt, den ich hervorheben möchte, betrifft das zivilgesellschaftliche Engagement der Gläubigen. Der reformierte Theologe Karl Barth hat programmatisch von der Doppelbürgerschaft der Christinnen und Christen gesprochen: als Mitglieder der Christengemeinde und als Mitglieder der Bürgergemeinde. Daraus folgt eine ursprüngliche christliche Verantwortung für das politische Gemeinwesen, wobei die Christen und Christinnen gegenüber den anderen Bürgern und Bürgerinnen über keine Sonderrolle oder Sonderkompetenzen verfügen. Reformierte machen deshalb nicht als Kirche beziehungsweise Kirchenmitglieder Politik, sondern als Gesellschaftsmitglieder. Die Kirche ermutigt ihre Mitglieder, diese Aufgabe aus ihrer christlichen Perspektive engagiert in Politik, Wirtschaft, Bildung und in der Zivilgesellschaft wahrzunehmen. Auch das ist spezifisch reformiert.
Sie sind seit 2020 als Präsidentin der Evangelischen Kirche in der Schweiz im Amt. Ihr Vorgänger Gottfried Locher musste das Amt nach Vorwürfen des Machtmissbrauchs und anderer Grenzverletzungen räumen, was einen gewissen Flurschaden mit sich gebracht hat. Ist der heute überwunden?
Famos: Die ersten beiden Jahre waren geprägt von dieser institutionellen Krise, die in der Geschichte der reformierten Kirchen der Schweiz neu war. Der Fall wurde im Auftrag der Synode juristisch untersucht, die Ergebnisse sorgfältig analysiert und der Öffentlichkeit kommuniziert. Zwei Anliegen standen im Vordergrund: Transparenz über den Vorfall herstellen und strukturelle Defizite, die sich in der Krise herauskristallisierten, zu bearbeiten. Im Anschluss an die Empfehlungen des Berichts für die Evangelische Kirche in der Schweiz setzte eine vertiefte Reflexion über die aus der Tradition übernommenen, strukturellen Defizite ein, die Machtmissbrauch begünstigen. Immer deutlicher zeigte sich die Notwendigkeit eines kulturellen Wandels, der nicht von heute auf morgen verfahrenstechnisch vollzogen werden kann. Es geht um längerfristige Prozesse, die uns immer noch intensiv beschäftigen. Die jüngste Sommersynode im Juni hat für alle Mitgliedskirchen Standards zum Schutz persönlicher Integrität verabschiedet. Bekanntlich betrifft das nicht nur die Reformierte Kirche der Schweiz. Deshalb sind wir im Austausch mit den Mitgliedskirchen der EKD und mit unseren römisch-katholischen Partnern in der Schweiz.
Hat dieser Fall die zurückgehende Kirchenbindung in der reformierten Kirche beschleunigt?
Famos: Es gab Kirchenaustritte aufgrund des Skandals, wobei unterschiedliche Gründe angegeben wurden. Einige konnten nicht glauben, dass der Präsident einer Kirche so gehandelt hat. Sie haben der Kirche enttäuscht den Rücken zugekehrt. Andere sahen in dem Vorfall ein Komplott feministischer kirchlicher Gruppen und sind deshalb ausgetreten. Aber das waren Einzelfälle. Die mediale Aufmerksamkeit für das Thema sexualisierter Gewalt in der Kirche hatte paradoxe und missverständliche Konsequenzen. Als in der Schweiz die katholische Studie über Missbrauch in der Kirche und später die EKD-Missbrauchsstudie erschien, haben das Schweizer Reformierte zum Anlass genommen, um aus ihrer Kirche auszutreten.
Bei der jüngsten Sommersynode haben Sie den Jahresbericht der Evangelischen Kirche in der Schweiz unter das Leitwort „Das Beste kommt noch“ gestellt. Was sind denn angesichts dieser Überzeugung Ihre Vorschläge gegen den Mitgliederschwund, der die Evangelische Kirche in der Schweiz genauso trifft wie alle anderen Konfessionen auch?
Famos: Das Motto „Das Beste noch kommt“ hat zunächst nichts mit dem Mitgliederschwund zu tun, sondern ist die zentrale Botschaft der Bibel. Es geht um die eschatologische Hoffnung auf die Vollendung des Gottesreiches und die Gewissheit, dass unsere Welt und all unsere Angelegenheiten in Gottes Hand sind und dass Gott unsere Welt erlöst, mit allem, was darin Erlösung ersehnt. Das bedeutet nicht, im Blick auf das Ziel den oftmals steinigen Weg dorthin zu übersehen und unaufmerksam oder gleichgültig zu werden. Der reformierte Realismus, von dem ich oben sprach, erlaubt keine Zuschauerrolle in der Welt. Aber Reformierte wissen, dass nicht sie selbst die Welt retten können. Das Beste kommt jetzt schon und erst recht noch von Gott. Reformierte sind deshalb auch schlechte Apokalyptiker.
Und der Mitgliederschwund?
Famos: Kirche ist keine Zwangsinstitution und Kirchenmitgliedschaft freiwillig. Die Entwicklung der Kirchenmitgliedschaft ist ein dynamisches Zeit- und Kulturphänomen. Deshalb kann es keine Patentrezepte geben. Säkularisierung beginnt in der Reformation und ist nicht erst die Folge neuzeitlicher und aufklärerischer Philosophie. Deshalb sind die Aufgaben der reformierten Kirchen heute im Grunde immer noch die der damaligen Kirchen: der Fokus auf die Botschaft des Evangeliums und den biblischen Auftrag, beides in einer für die Zeit verständlichen und einladenden Art und Weise vermittelt. Ich verstehe die Säkularisierung auch als Chance. Menschen merken, dass das, was ist, nicht alles ist. Der christliche Glaube muss vielleicht auch in unseren Gesellschaften neu entdeckt werden. Ich glaube an Veränderung und an die Neugierde, die das Evangelium weckt. Im Zentrum steht die Zusage der Freiheit aus der befreienden Gnade in Jesus Christus. Die Kommunikation dieser Botschaft mit den heutig zugänglichen Medien ist eine spannende Herausforderung für die Kirche.
Tatsächlich gibt es in allen Kirchen sehr ähnliche Phänomene. Führt das denn dazu, dass es in der Schweiz ein besseres, intensiveres Miteinander der verschiedenen christlichen Konfessionen gibt?
Famos: Natürlich sitzen wir im gleichen Boot, weil wir ja nicht nur Glieder der einen Kirche sind, sondern auch Teil einer Gesellschaft, deren Interesse für das Christentum eine Auszeit genommen zu haben scheint und die stattdessen eine Konjunktur von Individualismus, Agnostizismus und anderer Religionen und religiöser Bewegungen erlebt. Der positive Effekt besteht darin, dass die christlichen Kirchen und Gemeinschaften näher zusammenrücken. In diesem Jahr haben wir gemeinsam Ostern mit einem großen Fest in Bern gefeiert, das von der Öffentlichkeit aufmerksam wahrgenommen wurde. Immer stärker zeigt sich: Es gibt mehr, das uns verbindet und eint als uns auseinander bringt und trennt. Die vielfältigen Krisen haben die gemeinsame Hoffnung verstärkt, die uns verbindet.
Sie sind auch Präsidentin der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa. Gibt es nicht schon auf dieser innerprotestantischen Ebene Erklärungsbedarf mit Blick auf das reformatorische Profil?
Famos: Die GEKE ist ein innerevangelisches Projekt zur Überwindung der während der Reformation entstandenen Spaltungen innerhalb der evangelischen Kirchen. Die die historischen Differenzen überwindende Kirchengemeinschaft, die mit der Leuenberger Konkordie von 1973 besiegelt wurde, erklärt die kirchliche Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Die programmatische Formel bildet in gewisser Weise das Gegenmodell zum orthodoxen und katholischen Einheitsverständnis der Kirche. Die Grundüberzeugung der Leuenberger Konkordie, dass wir volle Kirchen-, Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft haben, unabhängig von bestehenden Differenzen bei dogmatischen Themen und in Bekenntnisfragen, stellt für mich ein wegweisendes Modell für Kirchengemeinschaft dar, das auch für andere ökumenische Dialoge wegweisend sein könnte. Denn die Überwindung des Leidens an den Spaltungen der Kirche Jesu Christi treibt die gesamte Ökumene an und um.
Tatsächlich hat man heute eher das Gefühl einer gewissen ökumenischen Lustlosigkeit, möglicherweise auch, weil alle Argumente ausgetauscht sind. Was könnte das ökumenische Feuer für mehr Einheit entfachen?
Famos: Wir blicken zurück auf eine lange und fruchtbare Phase von Lehrgesprächen zwischen verschiedenen Kirchen und Konfessionen. Die theologischen und ekklesiologischen Argumente sind im Wesentlichen bekannt und ausgetauscht. So liegen beispielsweise im Fall der Frauenordination beziehungsweise Weihe von Frauen die Argumente auf dem Tisch. Die Bereitschaft von unserer Seite zum ökumenischen Gespräch ist bekannt. Beim Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen wird das Leuenberger Modell deutlich kritisch gesehen.
Gar als Bedrohung?
Famos: Bedrohlich daran ist, dass der Weg von Leuenberg unmittelbar einleuchtet und erfolgreich ist. Die theologischen und kirchenleitenden Vorbehalte werden weder von der katholischen noch von der orthodoxen Kirchenbasis geteilt. Beim jüngsten Treffen des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen im südafrikanischen Johannesburg im Juni dieses Jahres wurde – wie schon bei der ÖRK-Vollversammlung 2022 in Karlsruhe – mit Zustimmung der orthodoxen Kirchen von der Ökumene des Herzens gesprochen. Es gibt eine große Leidenschaft dafür, was wir gemeinsam tun können und wollen. Natürlich wurde auch in Johannesburg das Jubiläum des Glaubensbekenntnisses von Nizäa gefeiert. Im vierten Jahrhundert zwang Kaiser Konstantin aus machtpolitischen Gründen die Kirchen zur Einigung. Es stellt sich die Frage, welche inneren und äußeren Anstöße wir heute für eine kirchliche Ökumene brauchen. Ein konstruktiver Umweg könnte das gemeinsame Engagement für globale Herausforderungen und Themen sein. Darauf zielt die Formel von der „Ökumene des Herzens“; das Herz kann unabhängig von der Klärung der dogmatischen Dissense im Gleichklang schlagen. Einen konstruktiven Schritt könnte die vom ÖRK Zentralausschuss im Juni ausgerufene Dekade für Klimagerechtigkeit bedeuten, die das Anliegen von Papst Franziskus in der vor zehn Jahren erschienenen Enzyklika „Laudato Si“ aufnimmt.
Wird das Nizäa-Jubiläum in diesem Jahr dazu beitragen können, das Bewusstsein für die orthodoxen Partner im ökumenischen Dialog zu stärken?
Famos: Der erste Satz des Bekenntnisses lautet: Wir glauben an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Es mangelt nicht an Expertise zu Klimafragen, aber es fehlt immer noch eine Spiritualität, die die ganzheitliche Verbindung der Menschheit mit der Natur nicht nur intellektuell verständlich, sondern lebensweltlich erlebbar macht und praktisch werden lässt. Das könnte der Beitrag der christlichen Kirchen sein, für den die orthodoxen Kirchen bereits wichtige Impulse geliefert haben.
Noch einmal zurück zum Dialog mit dem Dikasterium für die Einheit der Christen. Es müsste doch für Sie als GEKE-Präsidentin eigentlich ein Vorteil sein, dass der Präfekt Kardinal Kurt Koch auch ein Schweizer ist und Sie noch einmal ganz anders miteinander reden können, als das sonst weltweit der Fall ist, weil die Kontexte so unterschiedlich sind?
Famos: Obwohl Kardinal Kurt Koch bereits längere Zeit in Rom lebt und arbeitet, gibt es eine Verbindung durch seine schweizerische Herkunft. Wenn wir uns treffen, sprechen wir Schweizerdeutsch. Der Dialekt vermittelt eine Vertrautheit, die es gewiss leichter macht, auch über kontroverse Themen zu sprechen. Außerdem versteht Kardinal Kurt Koch als ehemaliger Bischof von Basel die Reformierten gewiss viel besser als viele andere. Damit sind die theologischen Differenzen weder vom Tisch noch unwichtiger geworden.
Gibt es denn Aspekte der Kritik an der Leuenberger Konkordie, die Sie für berechtigt halten? Gibt es von Ihrer Seite eine Art Angebot, von wo aus das Gespräch mit Blick auf ein besseres gemeinsames Verständnis von Einheit in Gang kommen könnte?
Famos: Natürlich kollidiert die Leuenberger Konkordie mit dem Anspruch und Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche. Die katholische Kritik richtet sich also gegen die Konkordie selbst und nicht gegen bestimmte Inhalte oder Formulierungen. Auch in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa geht die Diskussion über die Konkordie weiter. In einem neuen Lehrgespräch beschäftigen wir uns mit dem Verhältnis von Konfessionalität und Diversität, das bei unserer letzten Vollversammlung in Sibiu 2024 beschlossen wurde. Das Anliegen besteht darin, bei Fragen der kirchlich-theologischen Differenzen voranzukommen, um nicht in einer gewohnheitsmäßigen Beliebigkeit zu erstarren.
Letztlich geht es auch immer um ämtertheologische Aspekte bis hin zu den kirchenleitenden Persönlichkeiten. Gerade in einer stark von den Medien geprägten Gesellschaft hat das auch mit der Sichtbarkeit von Kirchen zu tun. Von der Bedeutung der Institution für die Tradierung des Glaubens haben Sie vorhin schon gesprochen. Haben nicht gerade die reformierten Kirchen hier Nachholbedarf?
Famos: Die Vorgaben und Erwartungen einer digitalen Mediengesellschaft sind zweifellos eine Herausforderung für eine Kirche, die sich wesentlich egalitär versteht und keine besonderen kirchlichen Autoritäten kennt. Das zeigt sich unmittelbar in der öffentlichen Resonanz. Als kürzlich in St. Gallen Beat Grögli zum katholischen Bischof geweiht wurde, gab es ein großes Stelldichein der Prominenz, das bis zur Bundespräsidentin reichte. Wenn bei den Reformierten eine neue Kirchpräsidentin eingesetzt wird, reicht das kaum für eine Meldung in den säkularen Medien. Der Vorteil der reformierten Diversifizierung von Kirchenleitung besteht organisationssoziologisch in der Vermeidung von Klumpenrisiken: Wenn einer jubelt, feiern alle, wenn einer strauchelt, stolpern alle. Wie ich vorhin beschrieben habe, macht das die reformierte Kirche nicht krisenresistent, aber es fällt leichter, Leitungspersönlichkeiten zu kritisieren und abzuwählen.
Sie wären also deutlich zurückhaltender als andere Stimmen innerhalb der protestantischen Kirchen, die sich eine Art Ehrenprimat des Papstes für die Christenheit durchaus vorstellen können.
Famos: Solange die katholische Kirche sich der Gleichstellung der Frauen in allen Ämtern verweigert, kann kein Papst einen Primat für alle Christinnen und Christen beanspruchen. Natürlich hat der Papst eine andere Öffentlichkeitswirkung als etwa der Generalsekretär des ÖRK, Jerry Pillay, oder der Moderator des ÖRK, Heinrich-Bedford Strohm. Aber in der Kirche sollte es immer um Präsenz und niemals um Prominenz gehen.
Haben Sie angesichts dessen Erwartungen an Leo XIV.?
Famos: Seine ersten Äußerungen sind für mich verheißungsvoll, gerade auch im Blick auf seinen Respekt gegenüber den anderen Konfessionen. Unter dem Vorbehalt, dass ich eine leidenschaftliche Optimistin bin, erkenne ich darin das Potenzial für einen Schritt auf dem Weg zu einer ökumenischen Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Auch seine Betonung der bedingungslosen Liebe Gottes hat einen vertrauten Klang für reformatorische Ohren. Schließlich erinnere ich an seine Wertschätzung des Synodalen Wegs. Es wird sich zeigen und ich bin sehr gespannt darauf.
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