Mitten hinein in die Polarisierung
Bondi Beach, Basel, ESC: Drei Ereignisse, die sich nicht vergleichen lassen – und doch dieselbe Frage stellen. Was passiert mit liberalen Gesellschaften, wenn Zugehörigkeit zum Stigma wird, wenn „Zionismus“ zur Chiffre kippt und politische Empörung in Lagerlogik umschlägt? Stephan Jütte warnt vor vereinseitigten Schuldzuschreibungen und davor, wie schnell aus legitimer Kritik eine Rhetorik wird, die Menschen nicht mehr als Individuen sieht, sondern als Stellvertreter.
Bondi Beach: Wenn ein Fest zum Tatort wird
Bondi Beach, Sydney: Menschen kommen zusammen, um Chanukka zu feiern – ein Fest des Lichts, der Erinnerung, der Hoffnung. Dann fallen Schüsse. Nach Angaben der Behörden wurden mindestens 15 Personen getötet und Dutzende verletzt; es gibt Hinweise auf eine ideologische Motivation im Umfeld des sogenannten Islamischen Staates.
Was hier passiert, ist nicht nur ein Terrorakt. Es ist auch eine Botschaft an eine Minderheit: Eure Sichtbarkeit ist riskant. Eure Zugehörigkeit kann zur Zielscheibe werden.
In solchen Momenten spürt man, wie dünn die Haut liberaler Gesellschaften ist. Wir leben von der Zusage, dass Religion, Herkunft oder Identität nicht über Sicherheit entscheiden. Und dennoch genügt ein einziger Abend, um zu zeigen, wie schnell aus Zugehörigkeit ein Stigma werden kann.
Basel: Schweigemarsch – und der Protest dagegen
Nur einen Tag später geraten ähnliche Spannungen auch in Basel auf die Strasse: Ein bewilligter Schweigemarsch setzt ein Zeichen gegen Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels; gleichzeitig formiert sich eine unbewilligte Gegenkundgebung, die die Route stören und eine Umleitung erzwingen will.
In diesem Kontext kursiert ein Aufruf verschiedener Gruppen, die sich für Palästina einsetzen, zu einer Demonstration „gegen den zionistischen Marsch“.
Der Aufruf ist nicht bloss ein „auch noch“-Protest. Er ist Symptom einer Verschiebung: Wo der eine „Schweigemarsch gegen Antisemitismus“ sagt, hört der andere „Zionismus auf der Strasse“. Und wo „Zionismus“ als Sammelbegriff für alles wahrgenommene Unrecht dient, sind wir bereits mitten in der rhetorischen Eskalation. Es lohnt sich, an diesem Punkt kurz anzuhalten. Denn hier entscheidet sich, ob eine Auseinandersetzung politisch bleibt – oder ob sie in eine Logik kippt, die Menschen wieder zu Stellvertretern macht.
Herzl in Basel: Warum „Zionismus“ nicht als Schimpfwort taugt
„Wer heute „Zionismus“ pauschal als toxisches Label benutzt, tut also so, als gäbe es diese Geschichte nicht.“
Basel ist dafür ein paradox passender Ort. 1897 wurde hier die zionistische Bewegung gegründet – als politische Antwort auf die Erfahrung, dass Juden in Europa trotz Emanzipation immer wieder keinen sicheren Platz in den Mehrheitsgesellschaften fanden. Theodor Herzl kam unter dem Eindruck des Dreyfus-Prozesses zur Überzeugung, dass die „Judenfrage“ politisch nicht ohne eine gesicherte Staatlichkeit zu lösen sei. Die Evangelisch-Jüdische Gesprächskommission (EJGK) beschreibt diese Entstehungslinie klar: Nationalismus, Ausschreitungen, Pogrome – und die Konsequenz, eine Heimstätte anzustreben, wofür sich die Bewegung 1897 in Basel fest auf Palästina bezog. Ebenso wichtig ist der zweite Teil dieser Einordnung: Die EJGK betont, Zionismus sei Ausdruck einer emanzipativen Idee – Juden wollten ihr Schicksal nicht passiv erdulden, sondern Zukunft gestalten – und zugleich „alles andere als homogen“. Unterschiedliche Ziele, religiöse und gesellschaftspolitische Orientierungen, unterschiedliche Kompromissbereitschaften: Zionismus ist eine Familie von Positionen, keine Monolith-Figur.
Wer heute „Zionismus“ pauschal als toxisches Label benutzt, tut also so, als gäbe es diese Geschichte nicht: die Schutz- und Selbstbestimmungsdimension – und die innere Vielfalt. Kritik an konkreter Politik ist damit nicht ausgeschlossen. Aber sie wird sprachlich präziser: Man kritisiert, was kritisierbar ist, ohne eine Existenz- oder Identitätsfrage daraus zu machen.
Antizionismus als neue Chiffre: Wo Kritik kippt
Und hier liegt der neuralgische Punkt meiner Fragestellung: In Teilen der aktuellen Debatten wird Antizionismus zur Chiffre – nicht für „Kritik an einer Regierung“, sondern für eine pauschale Delegitimierung. „Zionist“ wird dann zum Ersatzwort, das es erlaubt, in kollektiven Zuschreibungen zu sprechen, ohne das Wort „Juden“ aussprechen zu müssen. Zionisten, das sind diejenigen, die ein Apartheidssystem zu verantworten haben.
Das ist zu einfach und es ist falsch. Es gibt Antizionismus als politische Position, es gibt jüdischen Antizionismus, und es gibt legitime, scharfe Kritik an israelischer Politik, auch an Grundentscheidungen staatlichen Handelns. Aber dort, wo Sprache entmenschlicht – wo aus einem Staat eine „Entität“ wird, aus politischem Streit ein moralischer Auslöschungswunsch, aus Kritik eine Freund-Feind-Metaphysik – beginnt die Gefahr. Dann wird Zugehörigkeit erneut stigmatisiert: nicht wegen einer Tat, sondern wegen einer zugeschriebenen Kollektividentität.
Die EJGK beschreibt, warum Debatten über Israel/Palästina so häufig einseitig und undifferenziert geführt werden: persönliche Projektionen, kollektives Gedächtnis, Identitätsängste, die lange Tradition des Antisemitismus in Europa, koloniale Vergangenheit, völkerrechtliche Kontroversen, Loyalitätskonflikte – all das überlagert Sachlichkeit.
Darum insistiert sie auf etwas Unpopulärem: Selbstreflexion, historische Kenntnis, Differenzierung – als Bedingung für einen sachlichen Dialog.
ESC und Nemo: Symbolhandlungen als Brandbeschleuniger
„Kultur wird zur Bühne geopolitischer Moral, und Moral wird zur Währung von Zugehörigkeit.“
In dieses Klima fällt der Eurovision-Konflikt: Nemo gibt die ESC-Trophäe zurück, um gegen Israels Teilnahme zu protestieren. Nemo begründet dies mit einem Widerspruch zu den Werten des Wettbewerbs (Einheit, Inklusion, Würde), während die EBU am Entscheid festhält.
Das ist keine Gewalt. Aber es ist ein Ereignis mit hoher symbolischer Sprengkraft: Kultur wird zur Bühne geopolitischer Moral, und Moral wird zur Währung von Zugehörigkeit. Wer applaudiert, signalisiert nicht nur eine Meinung, sondern ein Lager. Wer widerspricht, gilt schnell als Komplize.
So entsteht Polarisierung nicht nur durch grosse Parolen, sondern durch kleine Rituale: Likes, Emojis, Boykotts, Rückgaben, Bekenntnisse. Alles wird lesbar als „Seite“. Und je mehr „Seite“ die Debatte verlangt, desto weniger Raum bleibt für das, was liberale Gesellschaften eigentlich schützen müssen: die Person vor der Zuschreibung.
Die gemeinsame Linie ist nicht „Vergleichbarkeit“, sondern Stigmatisierung
Bondi Beach, Basel und ESC lassen sich nicht gleichsetzen. Wer das versucht, verwischt die moralische Schwerkraft von Gewalt. Die Gemeinsamkeit liegt tiefer: In allen Fällen zeigt sich, wie schnell die Debatte Zugehörigkeit markiert – und wie rasch daraus soziale oder körperliche Gefährdung entsteht.
„Betroffenheit, Empörung, Rachefantasien sollen gerade nicht an die Stelle rechtsstaatlicher Abwägung treten.“
Die öffentliche Meinung neigt zum raschen Urteil und der „kurze Prozess“ hat Konjunktur: Betroffenheit, Empörung, Rachefantasien sollen gerade nicht an die Stelle rechtsstaatlicher Abwägung treten.
Und noch grundsätzlicher: Menschenrechte schützen Menschen davor, politisch „abschliessend definierbar“ gemacht zu werden. Sie sind ein Schutz gegen die Reduktion des Menschen auf ein Etikett.
Übertragen auf unsere Polarisierung heisst das: Wir müssen wieder lernen, das Individuum vom Symbol zu trennen. Israel ist nicht „die Juden“. Gaza ist nicht „die Palästinenser“. Und schon gar nicht ist ein jüdischer Mensch in Basel verantwortlich für Entscheidungen einer Regierung in Jerusalem. Ebenso wenig ist ein palästinensischer Mensch in der Schweiz verantwortlich für Gewalt, die in seinem Namen begangen wird. Kollektivschuld ist die bequemste Form moralischer Orientierung – und die zerstörerischste.
Was folgt daraus?
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Sprachdisziplin statt Lagerpoesie. Wer in der Schweiz protestiert, kann hart kritisieren, aber sollte Wörter meiden, die entmenschlichen oder auslöschen: Begriffe, die nicht mehr beschreiben, sondern verurteilen, als wäre Vernichtung eine Option.
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Doppelte Empathie statt Nullsummen-Mitgefühl. Trauer um Opfer in Bondi Beach und Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung in Gaza widersprechen sich nicht. Wer sie gegeneinander ausspielt, betreibt Identitätspolitik am Grab.
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Recht statt Gesinnung. Wenn wir Menschenrechte ernst nehmen, müssen wir gerade im Konflikt die Regeln verteidigen, die Konflikt zivilisieren: gleiche Massstäbe, Schutz von Minderheiten, Ablehnung von Stigmatisierung – egal aus welchem Lager sie kommt.
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Historische Redlichkeit. Wer „Zionismus“ sagt, sollte wissen, wovon er spricht: von einer vielfältigen Bewegung, die aus Bedrohungserfahrung entstand und Selbstbestimmung suchte – nicht von einer Karikatur, die man gefahrlos hassen darf.
Vielleicht ist das die nüchternste Pointe: Liberalität zeigt sich nicht daran, dass wir uns einig sind. Sondern daran, dass wir im Streit nicht wieder anfangen, Menschen nach Zugehörigkeit zu sortieren. Bondi Beach erinnert daran, wie tödlich Stigmatisierung werden kann. Basel erinnert daran, wie schnell sie rhetorisch normalisiert wird. Und der ESC erinnert daran, wie gern wir Symbolhandlungen mit moralischer Reinheit verwechseln.
Wer heute für Palästina einsteht, sollte darauf achten, dass daraus kein Kampf gegen Juden wird. Wer heute gegen Antisemitismus aufsteht, sollte darauf achten, dass daraus kein Maulkorb für Kritik wird. Und wer heute „auf der richtigen Seite“ stehen will, sollte als Erstes die Sprache prüfen, in der diese Seite spricht.

Von Bondi Beach nach Basel – mitten hinein in die Polarisierung
Unter obigem Titel veröffentlichten Sie als Leiter Theologie und Ethik der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz einen bedenkenswerten Artikel zu den Schüssen auf Juden und Jüdinnen in Bondi Beach, zu Nemos Israelkritik und antizionistischen Kundgebungen in Basel. Sie kritisieren darin, dass Kultur zur Bühne geopolitischer Moral geworden sei und Symbolhandlungen (z. B. Nemos Rückgabe des Siegerpreises verbunden mit Israelkritik) als Brandbeschleuniger fungierten. Sie kritisieren weiter «antizionistische Demonstrationen», der «Zionismus» werde dort pauschal als «toxisches Label» benutzt, was falsch sei. Das führe zu einer Stigmatisierung. Wenn Antizionismus zur Chiffre werde, folge daraus eine «pauschale Delegitimierung». «Zionist» werde dann zum Ersatzwort, ohne das Wort «Juden» aussprechen zu müssen. «Zionisten» seien dann diejenigen, die ein «Apartheidsystem» zu verantworten hätten.
Von Basel führt Ihr Text zu Theodor Herzl, dem Gründer der zionistischen Bewegung. Theodor Herzl sei aufgrund des Dreyfus-Prozesses zur Überzeugung gekommen, dass die «Judenfrage» politisch nicht ohne eine «gesicherte Staatlichkeit» zu lösen sei. Die Evangelisch-Jüdische Gesprächskommission betone deshalb, der Zionismus sei «Ausdruck einer emanzipativen Idee». Aufgrund all dessen und weiterer Überlegungen fordern Sie «historische Redlichkeit» ein. Wer «Zionismus» sage, sollte wissen, wovon er spreche: von einer «vielfältigen Bewegung, die aus Bedrohungserfahrung» entstand und Selbstbestimmung suchte – nicht von einer «Karikatur, die man gefahrlos hassen darf». Sie plädieren deshalb für «Sprachdisziplin statt Lagerpoesie» und «Recht statt Gesinnung».
Wer wollte dem widersprechen?
Ich tu es, teilweise, weil Ihr Text etliche Leerstellen aufweist und wesentliche Merkmale verschweigt. Sie appellieren an alle Seiten, sehen dann die Stigmatisierung und Verrohung aber vor allem an der «antizionistischen» Front. Deshalb diese Ergänzungen.
Die Schüsse in Bondi Beach und Nemo
Wenn man sich die überwiegende Mehrheit der Kommentare auf Social Media vor Augen führt, die von Menschen abgegeben wurden, die sich selbst als Zionisten bezeichnen und Israel unterstützen, nur Stunden nach den Schüssen in Sydney, sieht man ein deutliches Muster: Der Anschlag wurde von fast all diesen sofort propagandistisch ausgeschlachtet, um Palästinenser:innen, Demonstrierende und Nemo indirekt für den Anschlag verantwortlich zu machen. Gleichzeitig wurden jene, die Israel für ihre völkerrechtswidrige Kriegsführung kritisieren, pauschal als Judenhasser (Antisemiten) bezeichnet. Und das im Namen von freiheitlicher, liberaler Demokratie.
Ihr Text wurde in Social Media u. a. ausgerechnet von einer Frau weiterverbreitet, die vor kurzem Antifaschist:innen, die zu einer Kundgebung gegen «christliche Zionisten» aufgerufen hatten, als «hirnamputiert» und Nemo nach seiner Israelkritik und der Rückgabe des ESC-Preises herabwürdigend als «gutschweizerisches Zahnfleischgesicht» (wegen seiner Zähne) bezeichnet hat. Gaza-Flotte-Mitglieder aus der Schweiz wurden als «Idioten» tituliert und als «Hamas-Unterstützer». Man könnte solche Äusserungen auf Social Media als unappetitliche Begleiterscheinungen ignorieren, würden nicht Haltungen kundgetan, die Israel, selbst nach den schwersten völkerrechtwidrigen Verbrechen, bedingungslos verteidigen, und Gegnerinnen davon pauschal als Antisemit:innen verunglimpfen, vor allem von nicht wenigen bürgerlichen Politiker:innen – ein Umstand, dem Sie m. E. zu wenig Beachtung schenken.
Es fällt zudem auf, dass im hiesigen öffentlichen Diskurs fast nur die Rede ist von Antisemitismus (der Begriff wird mittlerweile meist zur Denunziation von Israel-Kritiker:innen missbraucht), praktisch nie aber von Islamophobie, die virulent und im Gegensatz zum Antisemitismus in politischen Parteien und im Parlament zum Tagesgeschäft gehört. Auch in Ihrem Text spielt Islamophobie keine Rolle. Als Beispiel diene aus aktuellem Anlass Australien: Eine Studie will herausgefunden haben, dass dort seit dem erbarmungslosen Feldzug von Israel in Gaza antisemitische Äusserungen und Taten um ca. 700 Prozent zugenommen haben, aber eben auch islamophobe Äusserungen und Taten um über 600 Prozent. Von Ersterem ist sehr häufig die Rede, von Letzterem praktisch nie, mit der Konsequenz, dass Menschen aus muslimischen Ländern häufig diskriminiert, marginalisiert und stigmatisiert werden, obwohl viele von ihnen weder religiös sind geschweige denn irgendeinen islamistischen Terror verteidigen oder unterstützen – im Gegenteil: Die meisten Opfer von Organisationen wie Al-Quaida oder IS waren nicht etwa Christen oder Jüdinnen, sondern Muslime und ethnische Gruppen wie Kurden und Jezidinnen.
Sprache als toxisches Mittel
Das brutale, völkerrechtswidrige Vorgehen Israels in Gaza (und Westjordanland) wurde in Israel begleitet von einem verbalen, rassistischen Trommelfeuer sondergleichen in der Knesset und in israelischen Medien wie dem Kanal 14. Likud-Mitglieder forderten wiederholt und mit genau diesem Wort einen «Holocaust» an den Palästinensern, inklusive Kindern, denn die würden sonst nur zu neuen «Terroristen wie die Hamas» heranwachsen. Solche und ähnliche Verlautbarungen und Rechtfertigungen gab es auch von israelischen Botschafter:innen im Ausland. Die völkerrechtliche Verrohung ging einher mit einer sprachlichen Verrohung. Den Ton setzte der damalige Verteidigungsminister Joav Galant, wie bestens bekannt ist, gleich zu Beginn nach dem 7. Oktober 2023 mit den Worten: «Das sind menschliche Tiere, wir werden sie wie solche behandeln.» Und sein Nachfolger Israel Katz frohlockte, nachdem Israel den ersten Waffenstillstand im März 2025 gebrochen hatte, worauf weitere fürchterliche Bombenangriffe auf die zivile Infrastruktur und Zelte mit Zivilist:innen folgten: «Gaza wird brennen.» Die Shoa wurde und wird also instrumentalisiert zur Rechtfertigung schwerster völkerrechtlicher Verbrechen, die Palästinenser:innen als Gruppe entmenschlicht und zur Vernichtung freigegeben. All diese Äusserungen wurden auch hier zur Kenntnis genommen, weshalb es nicht verwundern kann, dass die verbale Auseinandersetzung auch hier an Schärfe gewann.
Schuld an all dem ist gemäss vielen auch hiesigen Zionist:innen oder schweizweit bekannten Politiker:innen der
Gesellschaft Schweiz-Israel einzig die Hamas. Wie ein Mantra wiederholen sie, Israel verteidige sich nur selbst, in völliger Unkenntnis resp. Negierung des Völkerrechts (ius in bello) und mit einer eiskalten Ignoranz gegenüber dem immensen Leid in Gaza, vor allem auch jetzt, wo ein wesentlicher Teil der Bevölkerung den nassen Winterstürmen praktisch schutzlos ausgeliefert ist und friert und hungert, weil Israel trotz erneutem «Waffenstillstand» weiterhin Hunderten von Lastwagen mit Wohncontainern und Nahrungsmitteln die Einreise von Ägypten nach Gaza verwehrt. Wenn also eine «westliche Demokratie», wie Israel sich nennt, ein Verbrechen (7. Oktober) mit einem Völkermord, «ethnischer Säuberung» und erzwungenem Hunger beantwortet und das von etlichen sich selbst als Zionisten und Israelfreunden bezeichnenden Menschen auch hier direkt oder implizit unterstützt wird, hat Ihr Kommentar erstaunlich viel Schlagseite. In diesem Zusammenhang gilt es noch zu erwähnen, dass jüdische Opfer meist ein Gesicht bekommen in der Berichterstattung, palästinensische Opfer in der hiesigen Wahrnehmung aber fast immer eine gesichtslose, amorphe Masse bleiben. Das heisst: Jüdisches Leiden wird höher gewichtet, es gibt eine klare Skala des Leids.
Theodor Herzls Zionismus und die aktuelle Situation
Sie bezeichnen den politischen Zionismus von Theodor Herzl als «Ausdruck einer emanzipatorischen Idee» und als Antwort auf die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Europa und gegen die Diskriminierung. Letzteres ist richtig. Zur Redlichkeit würde es aber auch gehören, zu erwähnen, dass die Schriften der Gründungsväter des politischen Zionismus von Rassismus durchdrungen sind. In Herzls programmatischem Werk «Der Judenstaat» (1896) stellte er u. a. für den Fall, dass «den Zionisten Palästina überlassen» werde, in Aussicht: «Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden. Wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen.» Und weiter: Wolle man «heute ein Land gründen», müsse man dieses von «wilden Tieren säubern» und zu modernen Mitteln greifen. Dann würde man «eine grosse fröhliche Jagd veranstalten, die Bestien zusammentreiben und eine Melinitbombe unter sie werfen». Die Vorstellung einer «grossen fröhlichen Jagd» in Palästina, bei der die zusammengetriebenen Opfer mit Bomben getötet werden, sei «in mehr als einer Hinsicht geradezu prophetisch», bemerkte der jüdische Dichter Erich Fried, dessen Vater von der Gestapo beim Verhör in Wien die Magenwand eingetreten worden war, worauf er kurz danach verstarb, und dessen Verwandtschaft in den Vernichtungslagern ermordet worden war. Den Zionisten warf er vor, sie hätten «nicht von den Völkern gelernt», sondern «von ihren Herren».
Neben Herzl ging auch dessen Arzt Max Nordau mit Worten in die Geschichte ein, die zeigen, dass der Zionismus von Anfang an vom europäischen Nationalismus und Rassismus des 19. Jahrhunderts geprägt war. Nordau, Mitbegründer der Zionistischen Organisation, versicherte 1907, die Zionisten seien sich ihres «zweitausendjährigen Europäertums» so sicher, dass sie über die «Neckerei», in Palästina würden sie «Asiaten werden», nur lächeln könnten. Sie würden dort so wenig Asiaten «im Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit» werden, wie «die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute» geworden seien. Vielmehr werde man in Vorderasien das tun, was die Engländer in Indien getan hätten: «Wir gedenken nach Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken.» Und der russische Zionist Wladimir Zeev Jabotinsky benutzte 1923 die Metapher einer «Eisernen Mauer aus jüdischen Bajonetten», die zwischen Arabern und Juden zu errichten sei. Gemäss den sogenannten Neuen Historikern in Israel sind das immer noch aktuelle Elemente israelisch/zionistischer Politik gegenüber der palästinensischen Bevölkerung. Oder um noch einmal den Dichter Erich Fried zu zitieren, der im Juli 1982 bei einer Rede im Rahmen einer Protestkundgebung gegen die israelische Aggression im Libanon festhielt, in der Bundesrepublik habe das verständliche Gefühl einer Schuld, eines schlechten Gewissens gegenüber den vom Hitlerfaschismus verfolgten und vernichteten Juden eine verhängnisvolle Nebenwirkung: «Es macht nämlich vielen Deutschen die Augen blind, die Herzen stumpf und die Köpfe vernagelt gegenüber Verbrechen, die an Palästinensern, Libanesen und anderen Arabern begangen werden.»
Dasselbe würde ich keineswegs von Ihnen sagen. Wer aber wie Sie als Theologe der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz zurecht hohe moralische Ansprüche an die Teilnehmer:innen der Debatte über Israel/Palästina formuliert und diese als «häufig einseitig und undifferenziert» bezeichnet, sollte die oben erwähnten Punkte beim Wunsch nach Sachlichkeit m. E. mitberücksichtigen und benennen.
Vielen Dank für Ihren ausführlichen, kenntnisreichen und engagierten Kommentar. Er zeigt, wie ernst Sie meinen Text gelesen haben – dafür bin ich Ihnen aufrichtig dankbar.
Sie haben recht: Mein Beitrag setzt Akzente und lässt andere Perspektiven bewusst unerörtert. Das ist weniger Ausdruck von Blindheit als von Begrenzung. Ich wollte eine bestimmte Dynamik sichtbar machen – nämlich die semantische Verschiebung, bei der «Zionismus» im öffentlichen Diskurs oft nicht mehr analytisch, sondern moralisch-totalisierend gebraucht wird. Dass es zugleich eine massive, teils aggressive Instrumentalisierung des Antisemitismusbegriffs gibt, um legitime Israelkritik zu diskreditieren, bestreite ich nicht. Sie benennen hier reale Phänomene, die auch mir Sorge bereiten.
Ebenso ist Ihr Hinweis auf Islamophobie wichtig. Die Asymmetrie der öffentlichen Wahrnehmung – welche Formen von Hass benannt, sanktioniert und welche normalisiert werden – ist eine reale Herausforderung für jede Ethik, die Universalität ernst meint. Dass Gewalt, Entmenschlichung und rassistische Sprache auf israelischer Seite – in Politik wie Medien – dokumentierbar sind, steht ausser Frage und hätte in einem umfassenderen Text stärker thematisiert werden können.
Was den historischen Zionismus betrifft: Ihre Zitate aus Herzl, Nordau und Jabotinsky sind bekannt und problematisch. Sie zeigen, wie sehr auch emanzipatorische Bewegungen im 19. Jahrhundert in koloniale und rassistische Denkmuster verstrickt waren. Wenn ich dennoch von einer emanzipativen Idee sprach, dann nicht, um diese dunklen Seiten zu relativieren, sondern um daran zu erinnern, dass der Zionismus historisch kein monolithisches Projekt war – sondern eine widersprüchliche Bewegung, in der Schutz, Selbstermächtigung, Gewaltfantasien und koloniale Imaginationen unauflöslich ineinandergriffen.
Vielleicht liegt unser Dissens weniger in der Diagnose als im Fokus. Mein Anliegen war nicht, Israel zu immunisieren oder palästinensisches Leid zu marginalisieren. Es war der Versuch, für eine Sprache zu werben, die Differenzen nicht einebnet und Schuld nicht kollektiviert – auf keiner Seite. Dass dabei immer auch blinde Flecken bleiben, gehört zur Tragik dieser Debatte.
Ich danke Ihnen für die Ergänzungen. Sie verschärfen nicht nur den Widerspruch, sondern auch die gemeinsame Verantwortung, die wir tragen: für Präzision, für historische Ehrlichkeit – und für eine Ethik, die Leid nicht gegeneinander aufrechnet.