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Was eigentlich ist Theologie?

21.Aug. 2025

Was ist Theologie und warum ist diese Frage heute wieder so zentral? Matthias Zeindler widmet sich ihr in seinem neuen Buch „Was eigentlich ist Theologie?“ (TVZ 2025) mit reformierter Klarheit, theologischem Tiefgang und persönlichem Ton. In zehn pointierten Kapiteln eröffnet er Zugänge zu zentralen Fragen des Glaubens und verknüpft Tradition mit Gegenwart. Diese Rezension stellt das Buch vor und fragt, was Theologie heute noch bedeuten kann.

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Der Glaube fragt nach Einsicht

Matthias Zeindler ist kein Theologe der spleenigen Privatinteressen oder lebensfernen akademischen Spezialisierungen. Er liebt die ganz großen, grundsätzlichen Fragen: Gott und das Schöne, Gott der Richter, Erwählung – so lauten einige Titel seiner Monographien. Beim Titularprofessor für reformierte Dogmatik konnte man seinerzeit Seminare besuchen zur Frage, was es bedeutet, reformiert zu sein, oder wie theologisch von der Bibel zu denken ist; auf YouTube finden sich vielgehörte Vorträge zur reformierten Spiritualität oder zu Karl Barth. So war es auch wenig erstaunlich, dass Zeindler an seiner Abschiedsvorlesung von seiner Tätigkeit an der Theologischen Fakultät Bern im Oktober 2023 ein geradezu besinnlich fundamentales Thema gewählt hat: Was eigentlich ist Theologie? Die Antwort auf diese Frage hat er von seiner Vorlesung ausgehend seither überarbeitet, ergänzt und heuer in Buchform beim Theologischen Verlag Zürich veröffentlicht. Es erscheint als viertes Buch in der Reihe Glaube heute, die sich zum Ziel gesetzt hat, zentrale Perspektiven des Glaubens und der Theologie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Unter Theologie versteht Zeindler das, was Anselm von Canterbury einst fides quaerens intellectum genannt hat, also „Glaube, der nach Einsicht fragt“. Dieser theologiegeschichtlich zentralen Formel spürt Zeindler im Stil der musikalischen Variation nach, indem er in zehn Kapiteln verschiedene Schlaglichter auf das Unternehmen der Theologie wirft. Dieses Vorgehen erlaubt es dem Verfasser, fragmentarisch und unbeschwert von ganzheitlichem Anspruch Aspekte zu beleuchten, und oftmals auch nur anzudeuten, die ihm in dieser Sache wichtig geworden sind: Theologie als Lehre von Gott, die Offenbarung als Anfang der Theologie, die Kirche als Hörgemeinschaft um die Schrift, die Verortung der Theologie in der Kirche und an der Universität, um nur einige zu nennen.

Barthianisch-reformiert und eigensinnig

Die tiefgreifende Prägung durch Karl Barth spürt man diesem Büchlein auf jeder Seite an; sie formt wesentlich die Vision, die Zeindler der schweizerischen reformierten Theologie auch für dieses Jahrhundert nahelegen möchte. Das soll aber nicht heißen, dass hier Barths Theologie einfach liniengetreu nachgebetet wird. Zu deutlich ist dafür die Handschrift des Autors erkennbar – von der Nüchternheit des Stils, den Akzenten auf Schönheit und Richteramt Gottes bis hin zur Beschäftigung mit seinen englischsprachigen Lieblingstheologen. Vor allem macht Zeindler aber vor, was er theologisch statuiert: dass nämlich Theologie gerade in ihrer Gebundenheit an Schrift und Tradition kreativ ist, gerade in der Bescheidenheit ihres Anspruchs denkerneuernd wirken kann. In diesen kurzen, dichten Variationen reiht sich ein Spitzensatz an den nächsten, sodass sich dieses Büchlein in seiner Gedankenfülle problemlos messen kann mit anderen heute kursierenden Kurzdarstellungen des Glaubens – beispielsweise eines Rowan Williams (Christsein heute, in derselben Reihe) oder Robert W. Jenson (A Theology in Outline. Can These Bones Live? – bei uns rezensiert).

Theologie heute – die Krise und der Auftrag

Mehr noch als theologische Einführung liest sich dieses Buch aber als Einblick in den Erfahrungsschatz einer theologischen Existenz. Zeindler ringt offen mit den gegenwärtigen Problemen evangelischer Theologie, mit ihrem heutigen Stand in der universitären Forschungslandschaft, ihrem rapiden gesellschaftlichen Bedeutungsverlust, der sich in seiner Generation vollzogen hat, den rückläufigen Studierendenzahlen – ja, ihrer immerwährenden „Armut“ (S. 11) vor Gott und Mensch. Es muss aber eine offene Frage bleiben, ob hier das „Gericht“ (S. 99), das heute über die Theologie ergehen soll, ernst genug genommen wird, wenn beispielsweise am etablierten, schiedlich-friedlichen Verhältnis zwischen Kirche und Akademie dann doch nicht gerüttelt wird. Das Interesse, das die Gesellschaft am Einspruch der Theologie haben soll, klingt ein wenig idealistisch; die Darstellung der Theologie als „intellektuelles Abenteuer“ (S. 61) etwas verkopft. Selbstverständlich ist nichts gegen die denkerische Durchdringung des Glaubens zu sagen, sie gehört seit ihren Anfängen zum genuinen Auftrag der Kirche. Aber das allgegenwärtige intellektuelle Aufrüsten des Mainline-Protestantismus – von der bildungsbürgerlichen Bibliolatrie des 20. Jahrhunderts bis zu der heutigen Endlosschleife von Theologie-Podcasts – hat bislang noch nicht zeigen können, dass damit eine Revitalisierung gemeindlichen Lebens oder auch theologischer Fakultäten einhergeht. An kluger Reflexion über den Glauben scheint es uns nicht zu mangeln (und es gehört zu den schönsten Aphorismen Zeindlers – auch in diesem Buch zu lesen –, dass die Masse und der Umfang an theologischer Literatur als Folge des Sündenfalls verstanden werden muss). Worin wir Spätmodernen aber schwächeln, ist in der Aneignung dieses Glaubens im konkreten Vollzug des Lebens. Umso wichtiger erscheint darum Zeindlers Plädoyer, dass sich jede Theologie Zeit nehmen muss, wenn sie denn etwas Substanzielles sagen möchte. Dass sie weiss, wo sie “reden kann und soll – und wo es ihr erlaubt oder gar geboten ist, begründet zu schweigen” (S. 91).

Ob die reformierte Theologie im 21. Jahrhundert noch so sauber in den Bahnen des Vorangegangenen schreiten wird, wie hier skizziert, ist alles andere als sicher. Wahrscheinlicher ist das etwas trübere Szenario, dass sie medial unüberschaubarer, institutionell dezentrierter, polarisierter und vor allem konfessionell diffuser wird. Gerade darum ist es aber umso wichtiger, von diesem Buch in seinem fokussierten Beharren auf grundlegende theologische Fragen in Treue zur reformierten Tradition zu lernen. Es bezeugt damit nicht nur ein lebenslanges Nachdenken über die Bedeutung der Theologie und die Tragfähigkeit des Evangeliums. Es erinnert unsere abgelenkte Generation daran, in welcher Verantwortung jene stehen, die mit dem theologischen Amt betraut sind: Den Glauben zu durchdenken und weiterzugeben, und zwar in seiner ganzen Fülle. Nicht nur Studierenden der Theologie sei es also zur Lektüre empfohlen. Auch Pfarrpersonen, Menschen in der Kirchenleitung, ja selbst abgebrühteste Viellesende theologischer Literatur werden hier noch wichtige Funde für Glauben und Leben machen können. Und das, aufgrund seiner Dichte und Prägnanz, in kürzester Zeit.

Was eigentlich ist Theologie? Thema mit zehn Variationen (Glaube heute 4), Theologischer Verlag Zürich 2025

Übrigens kann man, wenn man noch mehr über Matthias Zeindlers liebste reformierte Gesprächspartner erfahren möchte – Johannes Calvin, Karl Barth, Jonathan Edwards oder Reinhold Niebuhr –, auf seinen 2024 erschienenen Essay-Band zurückgreifen mit dem schönen Titel Sich Gottes Einspruch gefallen lassen, der sich bestens als Ergänzung und Vertiefung des hier Entfalteten lesen lässt.

Daniel N. Herrmann, lebt in Bern, ist reformierter Pfarrer und Doktorand in Systematischer Theologie an den Universitäten Genf und Hannover.

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