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Was PISA über uns verrät

10. September 2026

Am 8. September wurden die Resultate der PISA-Studie 2025 veröffentlicht. Schweizer Schülerinnen und Schüler schneiden im internationalen Vergleich weiterhin gut ab. In Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften liegen sie über dem OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig sind die Leistungen in Mathematik und Lesen gesunken. 23 Prozent erreichen in Mathematik das von PISA definierte Mindestniveau nicht, beim Lesen sind es 29 Prozent. PISA misst die Kompetenzen von 15-Jährigen. Was wir aus den Resultaten machen, sagt mindestens ebenso viel über uns Erwachsene aus.

Man kann aus den Ergebnissen der Pisa-Studie zwei Schlagzeilen machen. Entweder: Die Schweiz gehört weiterhin zu den erfolgreichen Bildungssystemen. Oder: Die Leistungen in Mathematik und Lesen sind so tief wie noch nie seit Beginn der entsprechenden PISA-Messungen. Beide Aussagen sind richtig. Interessant wird es dort, wo die Zahlen interpretiert werden.

PISA wird wie ein Zeugnis behandelt, das einer Schülergeneration ausgestellt wird.

Wir erfahren vermeintlich, wie gut unsere Jugendlichen lesen, rechnen und denken können. Und weil diese Jugendlichen eine Schule besucht haben, wird aus ihrem Zeugnis ziemlich umstandslos ein Zeugnis für die Schule. Gute Resultate bestätigen das Bildungssystem, schlechte belegen dessen Versagen. Nur hat PISA weder die Schülerinnen und Schüler noch die Schule als Ganze geprüft. Die Studie misst anhand standardisierter Aufgaben bestimmte Kompetenzen von 15-Jährigen. Das ist aufschlussreich aber keine Gesamtbeurteilung einer Generation und noch keine Diagnose des Bildungssystems. Diese entsteht erst danach.

Das Zeugnis und die Diagnose

Kaum waren die Resultate veröffentlicht, begann ihre politische Verarbeitung. Die Bildungsbehörden stellten zunächst das weiterhin gute internationale Abschneiden heraus. Die Schweizer Jugendlichen erzielten «erneut gute bis sehr gute Ergebnisse». Der Rückgang in Mathematik und Lesen wird benannt, ebenso die Schwierigkeiten sozial benachteiligter Jugendlicher. Das Bild ist das eines leistungsfähigen Bildungssystems mit Herausforderungen.

Die Wirtschaftsverbände blicken auf dieselben Zahlen und sehen etwas anderes. Der Arbeitgeberverband warnt davor, sich von der guten internationalen Rangierung beruhigen zu lassen. Entscheidend sei, ob Jugendliche beim Eintritt in die Berufsbildung über ausreichende Grundkompetenzen verfügten. Fehlten diese, steige der Betreuungsaufwand für die Lehrbetriebe. Der Gewerbeverband geht einen Schritt weiter. Lesen, Schreiben und Mathematik müssten vor dem Übertritt in die Berufsbildung sitzen. Für entsprechende Defizite seien «in erster Linie die obligatorische Schule und die Kantone verantwortlich». Und damit hat sich die Bedeutung der Zahl verwandelt.

PISA kann feststellen, dass 29 Prozent der getesteten Jugendlichen ein bestimmtes Kompetenzniveau im Lesen nicht erreichen. PISA kann nicht feststellen, wer daran schuld ist.

Die Studie kann nicht bestimmen, wer das Problem beheben muss. Sie kann nicht entscheiden, was seine Behebung kosten darf. Und sie kann schon gar nicht sagen, was eine gute Schule ist. Merkwürdigerweise wissen wir all das wenige Stunden nach der Veröffentlichung trotzdem.

Besonders schön lässt sich diese Verwandlung bei Avenir Suisse beobachten. Der Thinktank veröffentlichte am selben Tag ein Papier mit dem Titel «Weniger Grundkompetenzen für mehr Geld». Sechs Wörter reichen, und PISA misst plötzlich etwas Neues. Die Grundkompetenzen stammen aus der Studie. Das Geld nicht. Erst indem die gemessenen Leistungen mit den Bildungsausgaben verbunden werden, entsteht die Frage nach der Effizienz des Systems. Die Frage kann sinnvoll sein. Nur hat PISA sie nicht beantwortet. Die Studie hat auch nicht festgestellt, dass zu viel Geld ausgegeben wird. Sie hat überhaupt kein Preis-Leistungs-Verhältnis der Schweizer Schule berechnet.

Ähnlich funktioniert es in die andere Richtung. Travail.Suisse nimmt die schwächeren Grundkompetenzen zum Anlass, eine gemeinsame Verantwortung von Schulen, Lehrbetrieben und Politik einzufordern. Der Lehrpersonenverband hatte wenige Tage zuvor in der Debatte über die Grundkompetenzen kleinere Klassen, frühe Sprachförderung und ausreichende Ressourcen verlangt. Die Bildungsbehörden erkennen Handlungsbedarf innerhalb eines international erfolgreichen Systems. Ein Kompetenzwert wird zum Effizienzproblem, zum Ressourcenproblem, zum Zuständigkeitsproblem oder zur Herausforderung eines grundsätzlich funktionierenden Systems.

Alle reden vermeintlich über dieselben Jugendlichen. Wer genauer zuhört, erfährt dabei zunehmend etwas über die Erwachsenen.

Das ist kein Vorwurf. Ein Arbeitgeberverband darf sich dafür interessieren, was Lehrbetriebe leisten müssen, ein Arbeitnehmendenverband Bildung als gesellschaftlich geteilte Verantwortung verstehen, ein liberaler Thinktank nach der Wirksamkeit staatlicher Ausgaben fragen und Bildungsbehörden müssen das von ihnen verantwortete System beurteilen.

Interessant ist etwas anderes: PISA eignet sich für all diese Deutungen gerade deshalb so gut, weil die Studie keine von ihnen mitliefert. Sie liefert Zahlen mit wissenschaftlicher Autorität. Was politisch aus ihnen folgen soll, bleibt offen. In diese Lücke treten Interessen. Die Schülerinnen und Schüler liefern die Daten. Die Erwachsenen liefern die Bedeutung.

Dabei erscheint die politische Forderung im Licht der PISA-Zahlen nicht mehr bloss als politische Forderung. Sie erhält etwas von der Autorität der Messung. Aus «PISA misst» wird «PISA zeigt». Und aus «PISA zeigt» wird erstaunlich schnell ein Appell: «Deshalb müssen wir». Dieser letzte Schritt ist aber nicht Wissenschaft, sondern Politik.

Ob die obligatorische Schule sämtliche Defizite vor dem Eintritt in die Berufsbildung beheben muss oder Lehrbetriebe einen Teil dieser Aufgabe übernehmen sollen, lässt sich nicht testen. Ebenso wenig, ob kleinere Klassen ihr Geld wert sind oder die Bildungsausgaben zu hoch liegen. PISA kann diesen Streit informieren. Es kann ihn nicht entscheiden.

Wer hier eigentlich geprüft wird

Vielleicht lohnt es sich deshalb, die Blickrichtung einmal umzukehren: Nach jeder PISA-Runde fragen wir, was die Ergebnisse über die Schülerinnen und Schüler verraten. Wir vergleichen sie mit früheren Jahrgängen und mit Jugendlichen anderer Länder. Aus ihren Antworten auf Testaufgaben werden Aussagen über die Qualität ihrer Bildung und bisweilen über eine ganze Generation.

Die Reaktionen auf PISA sind weit mehr als Feststellungen über Kompetenzen in  Naturwissenschaften, Leseverstehen, Mathematik und computergestütztes Problemlösen oder deren Anwendungen in Alltagssituationen. Sie zeigen, was wir von Schule erwarten, wann wir Bildung für erfolgreich halten, wem wir Verantwortung zuschreiben, wenn Jugendliche bestimmte Erwartungen nicht erfüllen. Sie zeigen besonders, ob wir Bildung vor allem als Voraussetzung wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, als gesellschaftliches Teilhabeversprechen, als staatliche Investition oder als öffentliche Aufgabe betrachten.

In diesem Sinn ist die PISA-Debatte tatsächlich eine Bildungsstudie. Nur sind ihre Untersuchungsobjekte andere als gedacht.

Tausende 15-Jährige haben Aufgaben gelöst, zum Teil hervorragend, zum Teil schlecht. Viele sind an Texten gescheitert, manche an mathematischen Problemen. Aus ihren Antworten ist ein Datensatz entstanden. Kaum ist er veröffentlicht, werden daraus Lehrstellenprobleme, Staatsausgaben, Reformbilanzen und Zuständigkeitsfragen. Die Jugendlichen verschwinden dabei aus derjenigen Debatte, die angeblich von ihnen handelt.

Das ist besonders dann problematisch, wenn aus Kompetenzwerten Generationenurteile werden. Eine Kohorte schneidet beim Lesen schlechter ab. Daraus folgt nicht, dass sie weniger gebildet, weniger leistungsbereit oder weniger zukunftsfähig ist. PISA misst, was PISA misst. Das ist kein Einwand gegen die Studie, sondern eine Voraussetzung dafür, ihre Resultate ernst zu nehmen.

Und wir nehmen sie ja ernst: Wenn fast drei von zehn getesteten Jugendlichen beim Lesen das Mindestniveau nicht erreichen, gibt es keinen Grund, das kleinzureden. Wenn die Leistungen in Mathematik und Lesen sinken, sollten wir wissen wollen, warum.

Aber die Antwort auf diese Frage beginnt nicht mit der Forderung, die wir schon vor der Veröffentlichung im Gepäck hatten.

PISA ist eine Studie. Wir behandeln sie wie ein Zeugnis einer Schülergeneration. Wenn wir das tun – auch mit den hehrsten Motiven -, legen wir zunächst unser eigenes Verständnis von Bildung offen: was sie leisten soll, wem sie dienen soll, was sie kosten darf und wer verantwortlich ist, wenn sie unsere Erwartungen nicht erfüllt. PISA misst die Kompetenzen von 15-Jährigen. Die Debatte darüber vermisst eine Gesellschaft. Und wer sich dazu äussert, sollte geprüft werden.

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