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Es lohnt sich, die neue Friedensdenkschrift der EKD zu lesen, findet der pensionierte Pfarrer Dieter Zellweger. Er fasst in seinem Gastblogartikel deren Kernaussagen und seine Gedanken dazu zusammen.
Warum überzeugt die Lehre Christi ihre Bekenner nicht von dem, was sie am dringlichsten rät, nämlich vom Frieden und vom gegenseitigen Wohlwollen? Oder gewöhnt sie ihnen wenigstens diesen so gottlosen und brutalen Wahnsinn, Kriege zu führen, ab?
Erasmus von Rotterdam (Die Klage des Friedens)
Vor zwei Jahren habe ich unter dem Eindruck des Angriffskrieges gegen die Ukraine ein Essay geschrieben zum Thema: «Das Gebot der Gewaltlosigkeit in Zeiten des Krieges.» Kurz danach ist im Nahen Osten ein weiterer gewaltsamer Konflikt ausgebrochen, der alles vor eine harte Bewährungsprobe stellt.
Jetzt ist in Gaza ein Waffenstillstand durchgesetzt worden. Ob und wie er zu einem Frieden führen kann, ist offen. Ein Blick auf die Trümmerlandschaft in Gaza zeigt, wohin es führt, wenn die Sprache der Gewalt die Politik bestimmt. Die israelische Historikerin Fanla Oz schreibt zu Recht: «Diesen Krieg haben beide Seiten verloren.» Möge unser Land dazu beitragen, dass die leidgeprüfte Bevölkerung von Gaza den Winter überstehen kann. Es wird auf beiden Seiten neue Kräfte brauchen, um einen Weg zu einem friedlichen Zusammenleben von Palästinensern und Israelis unter gerechten Bedingungen zu finden.
In der Ukraine dauern die Zerstörung und das Leiden bald vier Jahre an, und weniger beachtete Kriege toben im Sudan und anderen Gebieten! Muss nicht die Beendigung dieser Kriege oberste Priorität haben? Stattdessen hört man die zynische Feststellung, wir müssten wieder lernen, mit Kriegen zu leben! Ich kann damit nicht leben. Darum bin ich nochmals über die Bücher und habe einige Wegmarken zum Frieden geschrieben. Doch was kann ich als Einzelner damit bewegen?
An einem kühlen Abend bin ich auf dem Markplatz einer Gruppe von Frauen und Männern aus der Ukraine begegnet, die dort jede Woche ein Mahnwache halten. Am Boden leuchten ein paar Kerzen neben Bildern und Plakaten. Eines erinnert daran, dass die Russen die Kriegsgefangenen häufig foltern. Ich blicke den Mahnenden in die Augen und spüre, wie sie das belastet. Wie kann ich ihnen meine Solidarität bezeugen?
Ein paar Tage später weist mich ein Kollege darauf hin, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im November 2025 eine Denkschrift veröffentlicht hat mit dem Titel: «Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen.» Beim Lesen wird mir klar: Ich bin nicht allein mit meinen Fragen.
Es lohnt sich, die Denkschrift zu lesen. Weil wohl nur wenige die Zeit finden, die 149 (!) Seiten zu studieren, habe ich mir die Freiheit genommen, einige Kernsätze auszuwählen und sie zwischen meinen Thesen in Kursivschrift anzuführen, manchmal gekürzt, aber im Wortlaut. Das führt zu einem spannenden Dialog. Die in Klammern aufgeführten Zahlen zeigen, unter welchen Paragraphen man die Texte im Zusammenhang nachlesen kann.
Die Schärfung friedensethischer Urteilskraft ist unverzichtbarer Bestandteil des Christseins. (1)
Die zerstörerische Macht und die Bedeutung der Klimakrise werden weltweit immer noch nicht ausreichend politisch bearbeitet – gerade auch sicherheitspolitisch. (128)Nicht selten sind Kriege auch Ökozide, also eine massenhafte Ausübung von zerstörerischer Gewalt gegenüber den natürlichen Lebensgrundlagen. (127)
Die biblischen Friedensverheißungen zielen auf das endzeitliche Reich Gottes, in dem Leid und Not, Vergänglichkeit und Selbstbezogenheit endgültig überwunden sein werden. Dieser Friede ist durch den Menschen nicht zu erreichen, aber seine Verheißung orientiert Christinnen und Christen in ihrem Eintreten für den Frieden überall dort, wo sie für andere und damit auch für das Gemeinwesen Verantwortung übernehmen. (2)
Die theologische Sichtweise bringt zum Ausdruck, was empfunden wird, wenn „der Feind“, der zugleich immer Mensch und Geschöpf Gottes ist, durch eine Waffe verletzt oder gar getötet wird: Gewalt ist abgründig. Jede Form der Gewalt verletzt das Gegenüber, das Gottes Ebenbild ist. (49)
Gewalt muss – notfalls mit Gegengewalt – eingedämmt werden, ohne aber das Ziel der Überwindung von Gewalt aus den Augen zu verlieren. (35) Die theologische Friedensethik behält sowohl den unbedingten Vorrang der Gewaltfreiheit im Blick als auch die Notwendigkeit, auf Bedrohungen mit einer verantwortlichen Sicherheitspolitik zu reagieren, die auch gewaltbewehrte Maßnahmen enthalten kann. (36)
Die Verwendung der gelieferten Waffen muss dem humanitären Völkerrecht und damit dem Kriterium der Verhältnismäßigkeit unterliegen. Eine Eskalation der Gewalt durch Waffenlieferungen muss vermieden werden. Die Einführung eines eigenständigen Rüstungsexportkontrollgesetzes ist geboten. (154)
Eine besondere Zäsur bildete die Besatzung der Krim durch russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen 2014 mit dem sich anschließenden Scheinreferendum. Externe Angreifer arbeiteten mit internen Kräften zusammen, wodurch die Grenze zwischen Angreifer und Angegriffenen verschwamm. Seitdem ist der Begriff des hybriden Kriegs im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen. (90)
Wo staatliche Souveränität durch äußere Aggression untergraben wird, ist auch der Schutz von Menschenrechten, gesellschaftlicher Ordnung und rechtsstaatlichen Strukturen massiv gefährdet. Die territoriale Integrität ist Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit eines Staates im Sinne des Gemeinwohls. Die Verletzung von Staatsgrenzen durch Gewalt oder Zwang stellt daher eine schwerwiegende Bedrohung nicht nur des Völkerrechts, sondern auch des inneren Friedens dar. (23)
Drohnenangriffe haben das Potenzial, sich besonders destabilisierend auf die Psyche von Soldaten und Soldatinnen, aber auch der Zivilbevölkerung auszuwirken. Die Zivilbevölkerung erlebt eine ständige Bedrohungsgefahr. (69) Mit automatisierten und teilautonomen Waffensystemen gewinnt eine weitere grausame Dimension von Kriegsführung erhebliche Dominanz. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) verändert die Dynamik militärischer Gewalt grundlegend: Wenn Maschinen enorme Datenmengen erfassen und auswerten, kann unklar werden, wer für militärische Entscheidungen und konkrete Handlungen Verantwortung trägt. (70)
Man soll von Verteidigungsfähigkeit und nicht von Kriegstauglichkeit sprechen (59) Friedenslogik und Sicherheitslogik dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die zivile Konfliktbearbeitung und der Primat des Gewaltverzichts, der sich theologisch in der Bergpredigt sowie in der Nächsten- und Feindesliebe findet, sind wichtige Signaturen einer Sicherheitslogik. Sie helfen, die schleichende Normalisierung und Akzeptanz von Gewalt und Militarisierung der Gesellschaft zu verhindern. (62)
Die Schweiz hat ein grosses wissenschaftliches und wirtschaftliches Potential. Sie muss sie vermehrt dazu nutzen, Druck auf Russland aufzubauen. Vom Staat beschlossene Sanktionen müssen ergänzt werden durch eine stärkere Aufsicht auf den Finanzmarkt, die Hightech- Branche und den Rohstoffhandel, die weiterhin die russische Kriegsmaschinerie unterstützen.
Wirtschaftssanktionen als Zwangsmaßnahmen stellen eine Möglichkeit im Sinne einer Ethik rechtserhaltender Gewalt dar. Sie sind in einer globalisiert vernetzten Gesellschaft von wachsender Bedeutung. Sie dürfen nicht dazu beitragen, dass die Bevölkerung eines angreifenden Staates enormen Schaden leidet und in Not gerät. Sie sind in einer Welt miteinander vernetzter Lieferketten ein bedeutungsvolles Instrument, um Gewalt einzudämmen. Sie können auch dazu führen, dass sanktionierende Staaten Einschränkungen hinnehmen müssen, um dem Gerechten Frieden zu dienen. (53)
Plurale Demokratien mit ihren langen parlamentarischen Aushandlungsprozessen sind besonders geeignete Ziele für hybride Kriegsführung. Damit geht einher, dass autoritär geführte Staaten vermehrt auf die destabilisierende Kraft hybrider Kriegsführung vertrauen. (82)
Jede und jeder kann zum Objekt kognitiver Kriegsführung werden. Das bürdet jedem Menschen die Verantwortung auf, sich mit den daraus resultierenden Gefahren auseinanderzusetzen. Daher ist umfassende digitale Bildung erforderlich – in Unternehmen, Organisationen, dem Staat, der Kirche und von jedem einzelnen Individuum. Bildungsziel muss sein, Strategien zu entwickeln, die eine Gesellschaft insgesamt resilient gegen diese Herausforderung machen. ((109)
Friede wird im Leitbild des Gerechten Friedens als ein Ineinandergreifen von vier verschiedenen Dimensionen charakterisiert, nämlich Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Not und Anerkennung kultureller Vielfalt. (22)
Es besteht die Gefahr, dass die bestehenden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten eines neoliberal- oder autoritär-kapitalistischen Wirtschaftssystems international und auch national erheblich vertieft werden. (116)
Aus der Perspektive des Gerechten Friedens ist die Unterstützung für die Vereinten Nationen und des internationalen Völkerrechts trotz ihrer Unzulänglichkeiten unabdingbar. (124)
Wir können nie wissen, ob das, was getan wird, wirklich richtig und zielführend oder nicht vielmehr zerstörerisch ist und der Orientierung am kommenden Reich Gottes entgegensteht. Menschen sind unter den Bedingungen der Endlichkeit immer, aber besonders da auf Gottes Vergebung angewiesen, wo sie Gewalt ausüben. (49)
Aus ihrem eigenen Glauben heraus kann und muss die evangelische Kirche den Frieden auch mitten im Konflikt bezeugen und alle Initiativen stärken, die eine eschatologische Wirklichkeit aufscheinen lassen. Zu denken ist etwa an Projekte in Gemeinden, in denen Angehörige verfeindeter Gruppen zusammenarbeiten, an Versöhnungsprojekte, an die Chancen der internationalen Ökumene und auch an die Möglichkeiten der internationalen universitären Zusammenarbeit theologischer Fakultäten mitten im Krieg. (84)
Angesichts der Komplexität der Problemlagen und der vielfachen Rückschläge im Ringen um Frieden bleibt das Zeugnis der Kirche geprägt von der Hoffnung, dass Gott auch dort Friedensräume wachsen lassen kann, wo menschliche Perspektiven enden. (95)
Es ist ein Privileg, in Ruhe über Friedensethik nachdenken zu können. Daran erinnern Jugendliche aus Kyiw (Nino Preuss im Magazin 47/25):
«Im Westen liegt Europa, von dem wir so gerne auch Teil wären. Eine Welt, in der das Wort Krieg etwas für Nachrichten und Filme, aber nichts fürs echte Leben ist. In der die Leute den Schrecken von Luftangriffen nicht kennen, in der die Leute in Ruhe ihr Leben planen können.
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Zum Blogbeitrag von Stephan Jütte über die Friedensschrift
Zum Podcast Ausgeglaubt: Pazifismus vs. Pragmatismus: Zwischen Krieg und Frieden
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