Da sagte der Engel zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Denn seht, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird: 11Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids.
Lukas 2,10-11
Kurzer historischer Orientierung
Weihnachten ist der Tag, an dem die Kirchen die Geburt Jesu feiern. Sie erinnern daran, dass der Erlöser in die Welt gekommen ist (Matthäus, Lukas) und dass das göttliche Wort in die Menschheit eingegangen ist (Johannes).
Zusammen mit Ostern gehört Weihnachten zu den Höhepunkten im Jahreskreis der christlichen Feste. Die Festlegung auf den 25. Dezember geht auf das 4. Jahrhundert zurück und wurzelt in der römischen Kirche. Heiligabend (24. Dezember, abends) beschliesst die Adventszeit und eröffnet die Weihnachtszeit, die bis zum 6. Januar (Epiphanias), reicht.
Im westeuropäischen Mittelalter wird Weihnachten zu einem wichtigen Moment der Volksfrömmigkeit. In dieser Zeit entstehen die ersten liturgischen Spiele – eine frühe Form unserer Krippenspiele. Die szenische Darstellung der Heilsgeschichte spielt eine grosse Rolle dafür, dass dieses Fest im Denken und im Alltag der christlichen Gesellschaften verankert wird.
Mit der Reformation verliert Weihnachten in den von der calvinistischen Tradition geprägten Kirchen – etwa in Genf – teilweise an Bedeutung. Weil der 25. Dezember nicht immer auf einen Sonntag fällt, verbietet der Grosse Rat in Genf das Weihnachtsfest. Ein ähnliches Verbot erlässt das schottische Parlament (1640) sowie das puritanische Regime in England (1647) – und damit auch in der Kolonie Massachusetts (1659).
Im 18. Jahrhundert, insbesondere unter dem Einfluss des Neuenburger Theologen Jean-Frédéric Ostervald (1663–1747) und der deutschschweizerischen Kantone, wird die Weihnachtszeit im liturgischen Kalender der reformierten Kirchen der Romandie wieder aufgewertet.
Mit oder ohne direkten Bezug zur biblischen Geburtsgeschichte ist Weihnachten heute für die westlichen Gesellschaften ein wichtiger Treffpunkt. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich Weihnachten zur Familienfeier entwickelt. In dieser Zeit setzt sich auch der Brauch des gegenseitigen „Schenkens“ durch. Im 20. Jahrhundert wird die Weihnachtszeit mit dem Aufkommen der Konsumgesellschaft zudem zu einem wirtschaftlich zentralen Zeitraum.
Weihnachten ist ein christliches Fest, bei dem die Durchlässigkeit zwischen dem Glaubenszeugnis und dem gesellschaftlichen Leben besonders auffällt.
Theologischer Impuls
Fleischwerdung (Inkarnation)
Weihnachten verbindet sich theologisch mit der Vorstellung der Inkarnation des göttlichen Wortes. Das Johannesevangelium sagt es in einer prägnanten Sprache: Das göttliche Wort kommt in das Fleisch der Welt (Joh 1,14). Das ist es, was man traditionell unter Inkarnation versteht.
Wenn das Neue Testament von „Fleisch“ spricht, meint es damit die menschliche Existenz in dieser Welt – eine Existenz, die ambivalent ist.
„Fleisch“ ist einerseits der Ort unserer leiblichen Erfahrung: die Möglichkeit, Freude und Lust zu empfinden, Schönheit wahrzunehmen. Es ist das Erleben von Gefühlen, die Dichte unserer Lebensgeschichten und der Beziehungen, die uns prägen.
„Fleisch“ steht andererseits auch für schmerzhafte Erfahrungen, innere Widersprüche, zerstörerische Impulse, für die Angst vor dem Tod und vor dem Unbekannten – und für all die Mechanismen der Entfremdung, die aus dieser Angst entstehen können.
In den Briefen des Apostels Paulus erscheint das „Fleisch“ bisweilen als eine Art eigenständige Macht, die der Bewegung des Heiligen Geistes entgegensteht (z. B. Galater 5,16–24). Weil es nach Paulus auch der Ort der Begierde ist, spielt das „Fleisch“ eine Schlüsselrolle in der Trennung zwischen Gott und Mensch durch die Sünde (Römer 7,14–8,17).
Wenn der christliche Glaube bekennt, dass Gott ins Fleisch hineingeht, vertieft er damit das Verständnis von der Gegenwart des Schöpfergottes und von seinem Handeln zugunsten seiner Geschöpfe: Gott bleibt nicht auf Distanz zu unserer leiblichen Wirklichkeit, sondern er geht im Gegenteil ganz in diese Dimension hinein und setzt sich ihren Ambivalenzen und Kräften aus.
Die Weihnachtszeit lädt dazu ein, verschiedene Aspekte dieser Gegenwart des Schöpfers im Fleisch zu bedenken.
Weihnachten und das Reich Gottes
Das Erste, was hervorzuheben ist: Im „Fleisch“ zeigt Gott sich in heilsamer Nähe. Diese Nähe klingt im Gesang der Engelschar an: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lukas 2,14).
Weihnachten kündigt die Gegenwart des Immanuel an – eines Namens, der auf Hebräisch bedeutet: „Gott ist mit uns“ bzw. „Gott sei mit uns“. Er ist der, der Kranke heilt, Sünden vergibt, das Volk und die Nationen zu einem gemeinsamen Fest sammelt (Jesaja 7,14; Matthäus 1,23).
Die Gegenwart Gottes im Fleisch zeigt sich also als Dynamik der Befreiung und der Versöhnung: Was eingeschlossen war, wird geöffnet. Was zerbrochen war, wird heil. Der Schöpfergott schafft neu das, was zerstört wurde.
Im Magnificat (Lukas 1,46–55), dem Lobgesang Marias, wird dieses Programm der Gegenwart Gottes im Fleisch gleichsam vorweggenommen: Es ist der Beginn einer Herrschaft, in der unterdrückende Mächte – welche auch immer – von ihrem Thron gestossen, ihre Machtmechanismen durchkreuzt und Leben, das von Gewalt gezeichnet ist, wiederhergestellt wird.
Diese Weise, von der Gegenwart Gottes im Fleisch zu sprechen, verlangt zugleich nach einer gewissen Vorsicht. Sie könnte den Eindruck erwecken, als ob Gott so wirkt, als einer der eine absolute Verfügungsgewalt über alle Todesmächte hat, die im Fleisch wirksam sind. Wenn an Weihnachten tatsächlich eine „Herrschaft“ Gottes gefeiert wird, dann lädt dieses Fest zugleich dazu ein, unsere Vorstellungen dieser Souveränität neu zu justieren – besonders in ihrer Beziehung zu Macht.
Weihnachten und das Leiden Christi
Die Herrschaft Gottes im Fleisch nimmt nicht den Weg unbegrenzter Durchsetzungskraft, sondern den Weg der Hingabe und der Liebe zum Feind. Es ist eine Herrschaft, deren Boten Hirten sind und keine Soldaten; deren Anfang im Verborgenen liegt, am Rand der sichtbaren Machtzentren.
Für den christlichen Glauben wird das Kommen Gottes in die Welt mit einer sehr bestimmten Brille gelesen: mit der Brille der Ostererzählung. Die Feier der Geburt Jesu geschieht nicht losgelöst von der Erinnerung an seinen Tod und seine Auferstehung. Im Gegenteil: Die Ostererzählung steht am Anfang. Sie ist es, die einerseits dazu einlädt zu sagen, dass Gott tatsächlich ins „Fleisch“ gekommen ist. Und sie gibt uns andererseits, den Schlüssel, um zu verstehen, was dieses Kommen für uns und unser Gottesbild bedeutet.
Die Passionsgeschichte ist ein sehr genaues Drama: Der, der die lebendige Gegenwart Gottes in dieser Welt ist, erlebt Ablehnung, Verrat, Verlassenwerden, Verurteilung und Hinrichtung. Dieser Weg gilt nicht als Scheitern, sondern als entscheidender Moment der Heilsgeschichte – als Beginn einer neuen Wirklichkeit[1].
So lässt sich die Gegenwart Gottes im Fleisch nicht nur in Begriffen von Befreiung und Neuschöpfung beschreiben. Weihnachten feiern heisst darum auch, den Eintritt Gottes in seiner Passion zu bedenken: „Das Wort ist in sein Eigentum gekommen, und die Seinen haben es nicht aufgenommen“ (vgl. Johannes 1,11).
In der Weihnachtsgeschichte erscheint Gott selbst als einer, der der Gewalt ausgesetzt ist. Die Erzählung vom Kindermord (Matthäus 2,16–18) – die direkt an den Besuch der „Der drei Könige“ anschliesst – kann als Hinweis auf diese Passion gelesen werden. Und doch ist es gerade in dieser Passion, dass Gott sich als der erweist, der herrscht, indem er sich ganz den anderen hingibt – auch denen, die sich ihm als Feinde entgegenstellen.
Weihnachten als Umkehr unserer Erwartungen
Die Ostererzählung verkündet ohne Umschweif den Sieg Gottes über die Mächte des Bösen, der Sünde und des Todes. Die Weihnachtsgeschichte tut das ebenso – aber so, dass wir unseren Blick auf diesen Sieg immer wieder verändern müssen. Die Wirklichkeit dieses Sieges wird nicht abgeschwächt. Aber das Bild das wir uns immer davon machen schon.
An Weihnachten erinnern wir uns daran, dass das Heil in die Welt gekommen ist – und doch ist diese Welt, mit ihrer Ambivalenz und ihrem Leid, offensichtlich weder aufgehoben noch ausgelöscht. Angesichts der entfesselten Gewalt, die dem Kind begegnet, gibt Gott dieser Gewalt keine andere Antwort als die der Hingabe – die Hingabe seines eigenen Lebens. Er könnte anders handeln (Matthäus 26,53). Aber er tut es nicht.
Diese Hingabe öffnet einen Raum der Erwartung und stellt eine beharrliche Frage: Wie antworte ich auf diese Hingabe? Mit Lob? Mit Widerstand? Indem ich einfach weitermache? Weihnachten fordert uns nicht zu einer endgültigen Antwort heraus. Es hält die Frage offen und lädt ein, über sie nachzusinnen. „Maria aber behielt all diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“ (Lukas 2,19).

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