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Wenn ein Kirchenraum Beziehungen schafft

10. Juni 2026

Zusammengehörigkeit durch Diversität

Geteilte Räume eröffnen neue Erfahrungen von Gemeinschaft, Vielfalt und Verbundenheit. Was geschieht, wenn Gemeinden aus unterschiedlichen Traditionen denselben Kirchenraum nutzen? Dieser Beitrag zeigt am Beispiel Mannheims, wie aus gemeinsam genutzten Kirchenräumen neue Formen ökumenischer Gemeinschaft entstehen.

Kirchenräume als Chance

Wir leben in einer Zeit, in der in Kantonal- und Landeskirchen darüber diskutiert wird, welche Kirchengebäude erhalten werden sollen. Gleichzeitig entstehen neue Gemeinden, die Räume für ihre Gottesdienste suchen – vor allem durch Migration. Das Teilen von Kirchenräumen ermöglicht es vielerorts, beide Herausforderungen zugleich anzugehen.

Im Folgenden stelle ich eine Form dieser Zusammenarbeit vor, bei der aus gemeinsam genutzten Kirchenräumen interkulturell-ökumenische Partnerschaften entstehen : eine konviviale Migrationsökumene.

Weltweites Christentum vor Ort

Migrationsökumenische Zusammenarbeit schafft Erfahrungsräume, in denen wir einen Ausschnitt des weltweiten Christentums vor Ort erleben können. Im Zeitalter der Migration erweitert sich das lokal erfahrbare Christentum um zahlreiche neue Gemeinden.

2009 wurde die Zahl der Migrationskirchen in der Schweiz auf rund 300 geschätzt; heute gibt es allein in Basel und Zürich jeweils etwa 80.

Wenn Gemeinden denselben Kirchenraum nutzen, begegnen sich oft sehr unterschiedliche Frömmigkeitsstile, Traditionen und Sprachen. Begegnungen entstehen zwischen den Gottesdiensten, bei gemeinsamen Absprachen oder bei der Vorbereitung besonderer Feiern.

Claudia Hoffmann zeigte in ihrer Studie zur Zusammenarbeit zwischen autochthonen Gemeinden und Migrationskirchen im Aargau, dass die häufigste Form interkulturell-ökumenischer Zusammenarbeit in einer reinen Vermietung ohne weitere Begegnungsformate besteht. An zweiter Stelle stehen gemeinsame Projekte, oft mit diakonischem Schwerpunkt. Werden beide Formen miteinander verbunden, kann Christentum „glokal“ erlebt werden: auf lokaler Ebene wird die weltweite Vielfalt des Christentums sichtbar.

Gemeinschaft mit Spannungen

Das Interesse, voneinander zu lernen, trifft auf Sprachbarrieren und theologische Unterschiede, die sich nicht immer überbrücken lassen. Zudem verfügen die Gemeinden über unterschiedlich grosse Ressourcen für zusätzliche interkulturell-ökumenische Aktivitäten neben ihrer eigenen Gemeindearbeit.

Grenzen müssen deshalb immer wieder neu ausgehandelt werden. In diesem Prozess wird nicht nur die Vielfalt des Christentums sichtbar, sondern auch die noch unvollständige Einheit, um die sich die ökumenische Bewegung bemüht. Interkulturell-ökumenische Zusammenarbeit bewegt sich daher im Spannungsfeld des „schon“ und „noch nicht“.

Zugleich ist sie konvivial: Die Gemeinden teilen sich Räume und begegnen einander sowohl in ritualisierten Formen – etwa in Gottesdiensten – als auch spontan zwischen Tür und Angel.

Konviviale Migrationsökumene strebt keine sichtbare oder strukturelle Verschmelzung an, sondern eine langsam wachsende Verbundenheit in aller Unterschiedlichkeit.

Die Gemeinden möchten eigenständig bleiben und zugleich eine Zusammengehörigkeit entwickeln, die über das Teilen von Räumen hinausgeht.

Ein Beispiel aus Mannheim

Ein Beispiel dafür war das Interkulturelle Kirchenzentrum Mannheim, das zwischen 2023 und 2025 in der Friedenskirche angesiedelt war.

Dort nutzten verschiedene Gemeinden gemeinsam Kirche und Gemeindezentrum: die deutsche ChristusFriedenGemeinde (Teil der unierten Landeskirche Baden), die koreanische Agape-Gemeinde (Teil der Presbyterian Church of Korea), die PC Mannheim (Teil der Presbyterian Church in Cameroon), die ungarisch-evangelische Gemeinde Baden, die äthiopische Maranatha-Gemeinde sowie die christlich-arabische Gemeinde Mannheim/Ludwigshafen.

Alle diese Gemeinden wurden von Menschen nach ihrer Migration nach Mannheim gegründet und gehören unterschiedlichen christlichen Netzwerken an.

Im Unterschied zu klassischen ökumenischen Kooperationen zwischen römisch-katholischen und evangelischen Gemeinden, die häufig auf offiziellen Vereinbarungen beruhen, bilden in Mannheim vor allem gemeinsame ökumenische Erfahrungen und die Bereitschaft zur konvivialen Zusammenarbeit die Grundlage der Partnerschaften.

Die Herausforderung besteht darin, nicht nur gemeindeeigene Formen der Gemeinschaft zu entwickeln, sondern auch solche die gemeindeübergreifende sind.

Zwischen 2021 und 2023 begleitete ich diese Zusammenarbeit im Rahmen meines Forschungsprojekts und untersuchte die entsprechenden Praktiken. Dabei interessierte mich, durch welche Handlungen ökumenische Gemeinschaft entsteht und erneuert wird.

Nähe und Distanz zugleich

Es zeigte sich, dass Praktiken der Abgrenzung oft direkt neben solchen der Gemeinschaftsbildung stattfinden. Dies zeigt folgende Szene aus einer spontanen Begegnung zwischen zwei Gottesdiensten:

Es ist ein Sonntagnachmittag im späten Herbst. Die PC Mannheim feiert ihren Gottesdienst. Der Segen wurde gerade gesprochen. Während des Schlussliedes gehen die Gemeindemitglieder durch die Reihen, umarmen sich und wünschen sich einen „Happy Sunday“. Kinder beteiligen sich besonders begeistert daran.

Die ersten fünf Bankreihen sind gut gefüllt. In der vorletzten Reihe sitzen Jamal und Angie von der christlich-arabischen Gemeinde Mannheim/Ludwigshafen. Ihr eigener Gottesdienst beginnt erst in einer Stunde. Sie kamen früher, um technische Vorbereitungen zu treffen, und betraten die Kirche kurz vor dem Gebet vor dem Schlusssegen.

Während des Gebets sitzen Jamal und Angie still da und beten mit. Beim Schlusslied beobachten sie das Geschehen jedoch nur.

Durch ihre frühe Ankunft nehmen sie spontan am Schlussgebet der PC Mannheim teil. Ihre Körperhaltung signalisiert Beteiligung. Sie beten mit. So entsteht eine gemeindeübergreifende Gemeinschaft. Gleichzeitig bleiben sie in den hinteren Reihen sitzen und halten Distanz zur Gemeinde. Diese Abgrenzung wird noch deutlicher, als sie beim Schlusslied nicht mitsingen.

Innerhalb weniger Momente handeln sie neu aus, was ökumenische Gemeinschaft für sie bedeutet. Dabei geht es weniger um Dogmen als um Vertrautheit und Zugehörigkeit. Das Abschlussritual der PC Mannheim ist ihnen fremd. Zugleich macht es sichtbar, dass sie nicht Teil dieser konkreten Gemeinde sind.

Als das Lied endet, geht Daniel, ein Ältester der PC Mannheim, auf Jamal zu. Sie begrüssen sich mit einem Faustgruss. „Wie geht’s?“, fragt Daniel. „Gut. Und für alle Herausforderungen gibt mir der Herr die Kraft“, antwortet Jamal. Daniel klopft ihm auf die Schulter und sagt: „Amen. Ich hätte es nicht besser sagen können.“

Nach dem Gottesdienst vertiefen die beiden Männer ihren Kontakt. Die vorherige Distanz wird kleiner, die Nähe wird neu ausgehandelt. Der Faustgruss bleibt zunächst zurückhaltend, das Schulterklopfen signalisiert danach stärkere Verbundenheit. Offenbar teilen beide in diesem Moment ähnliche religiöse Überzeugungen.

Gemeinschaft in Vielfalt

Ähnliche Dynamiken lassen sich auch in anderen Begegnungsformaten des Interkulturellen Kirchenzentrum in Mannheim beobachten.

Während gemeinsamer Gottesdienste werden sowohl die einzelnen Gemeinden als auch die interkulturell-ökumenische Gemeinschaft sichtbar gemacht – etwa durch Kleidung, Sitzordnung oder Sprache. Gemeindeeigene und gemeindeübergreifende Vergemeinschaftung entstehen dabei fortlaufend und dynamisch.

Unterschiede sind konstitutiv für diese Form von Gemeinschaft. Ziel Konvivialer interkulturell-ökumenischer Partnerschaften ist es unter anderem zu erleben, dass Menschen „trotz kultureller, historischer und anderer Unterschiede zusammenhalten können“, wie es ein Mitglied formulierte.

Diese Unterschiede betreffen sicht- und hörbare Aspekte wie Essen, liturgische Kleidung, Gebetshaltungen und Sprachen, aber auch die Abgrenzung einzelner Gemeinden innerhalb der grösseren interkulturell-ökumenischen Gemeinschaft.

Dies wird besonders deutlich in gemeinsamen Fürbitten während interkultureller Gottesdienste. Dort stehen bis zu sechs Personen nebeneinander, die unterschiedliche liturgische Kleidung tragen: etwa einen preussischen Talar, einen ungarischen Talar, Sakko und Anzughose, ein grosses Kreuz oder Gewänder mit dem Logo der Presbyterian Church of Cameroon. Die Fürbitten werden in verschiedenen Sprachen gesprochen. Die Unterschiede bleiben sichtbar und hörbar. Gleichzeitig vollziehen alle gemeinsam dieselbe Handlung und bringen dadurch sowohl ihre Verschiedenheit als auch ihre Verbundenheit zum Ausdruck.

Die interkulturell-ökumenische Gemeinschaft entsteht also nicht trotz der Unterschiede, sondern gerade in ihrem Zusammenspiel.

Diese Gemeinschaft wird dort möglich, wo gemeindeeigene und gemeindeübergreifende Formen der Vergemeinschaftung nebeneinander bestehen können.

Menschen sollen sich an der Gemeinschaft beteiligen, sie mitgestalten und sich bei Bedarf zugleich wieder abgrenzen dürfen. Unterschiedlichkeit soll daher nicht nur überwunden, sondern auch erfahrbar bleiben.

Zugehörigkeit wächst

Neben der situativen Gemeinschaft entsteht mit der Zeit auch Zugehörigkeit. Diese verstehe ich nicht nur als Gefühl, sondern als soziale Verbindung.

Max Weber beschreibt Zugehörigkeit als grundlegende Dynamik von Vergemeinschaftung. Der Soziologin Pfaff-Czarnecka folgend entsteht Zugehörigkeit durch die Erfahrung von Gemeinsamkeit und durch ausgehandelte Formen des Miteinanders entsteht. Daraus können später weitere materielle oder symbolische Ausdrucksformen hervorgehen, etwa eine gemeinsame Hymne oder eine Vereinbarung.

Im Interkulturellen Kirchenzentrum Mannheim entstand Gemeinsamkeit sowohl durch den christlichen Glauben als auch durch die gemeinsam gewachsene Struktur des Zentrums.

Gemeinsamkeit bedeutet dabei nicht, dass alle dieselbe Sprache sprechen oder identische Praktiken teilen. Vielmehr werden Unterschiede gemeinsam wahrgenommen und akzeptiert. Entscheidend ist ein gemeinsam ausgehandeltes Verhalten: Die Beteiligten lassen sich auf Begegnungen ein, freuen sich an der Vielfalt und begegnen einander respektvoll. Es entsteht eine Zusammengehörigkeit in Diversität.

Dies zeigt sich etwa im spontanen Applaus während gemeinsamer Gottesdienste, wenn eine Gemeinde ein Lied vorträgt. Über die Jahre wuchs die Zusammengehörigkeit und manifestierte sich schliesslich auch in konkreten Artefakten wie einer Rahmenvereinbarung oder einem gemeinsamen Logo.

Katholizität neu denken

Konviviale Migrationsökumene erinnert uns daran, dass Katholizität nur im Spannungsfeld erfahrbar wird.

Katholizität als eine der festen Eigenschaft der Kirche (notae ecclesiae), wird oft essentialistisch verstanden – nach dem Motto: „Die Kirche ist …“. Die hier beschriebenen Beispiele zeigen jedoch, dass sich in der Praxis vor allem ein dynamisches Spannungsfeld zwischen Gemeinsamkeit und Unterschiedlichkeit sowie zwischen gemeindeeigener und gemeindeübergreifender Gemeinschaft zeigt.

Diesen dynamischen Gedanken möchte ich auch theologisch aufnehmen.

Was wäre, wenn Katholizität nicht als fester Zustand, sondern als dynamischer Prozess verstanden würde?

Dann wäre sie nicht einfach vorhanden oder nicht vorhanden, sondern würde sich erst im gemeinsamen Ringen zeigen.

Katholizität entstünde dort, wo ökumenische Gemeinschaften sich auf Spannungsfelder einlassen: zwischen lokalen Gemeinden und weltweitem Christentum, zwischen gewachsenen Kirchenstrukturen und situativen Gemeinschaften, zwischen dem eschatologischen „schon“ und „noch nicht“ – und schliesslich auch im gemeinsamen Ringen um die richtige Lehre.

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