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Wenn Gehorsam der Herrschaft dient

1.Okt. 2025

Spiritueller Missbrauch als eigenständige Kategorie

Referat von Prof. Dr. Judith Könemann, anlässlich der Tagung «Grenzen des Heiligen – Spiritueller Missbrauch und die Verantwortung religiöser Autorität» am 8. September 2025 in Zürich.

„Es war der erzwungene Zugang zu meinem Innersten. […] Es war die Vernichtung meiner Person, die angestrebt wurde. […) Ich fühlte mich vergewaltigt in meiner innersten Intimität.“ (Dysmas de Lassus, Verheißung und Verrat, 2022, 220)

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Zitate stammen aus einem Blog, in dem Betroffene geistlichen Missbrauchs ihre Erfahrungen ins Wort bringen, und sie bringen hier sehr eindrücklich zum Ausdruck, wie geistlicher Missbrauch erlebt wird. Zitiert sind sie in dem 2022 in deutscher Übersetzung erschienenen Buch des Priors der Grand Chartreuse in Frankreich, Dysmas de Lassus.

Geistlicher oder spiritueller Missbrauch erlangt erst in der jüngeren Vergangenheit Aufmerksamkeit innerhalb der Kirche und der Theologie. In der Aufarbeitung des Missbrauchs trat er lange hinter dem sexuellen Missbrauch zurück bzw. wurde und wird als mit diesem eng verflochten bzw. als Vorbereitung des sexuellen Missbrauchs verstanden. Ich möchte dafür plädieren, geistlichen-spirituellen Missbrauch neben sexuellem Missbrauch als eine eigene und eigenständige Form von Missbrauch zu betrachten, die zwar viele Überschneidungen mit sexuellem Missbrauch aufweist, z.B., dass beide einen Missbrauch von Macht in unterschiedlichen Ausgestaltungen darstellen, die aber eben nicht immer gemeinsam auftreten und zumindest der geistliche Missbrauch auch unabhängig vom sexuellen Missbrauch auftritt. Dass dabei in besonderer Weise Ordensgemeinschaften und so genannte Neue Geistliche Gemeinschaften betroffen sind, hängt mit der Charakteristik von Geistlichen Gemeinschaften und Orden als mehr oder weniger geschlossenen Systemen bzw. Institutionen und dem darin eingewobenen systemischen Charakter des spirituellen Missbrauchs zusammen.

In meinen Überlegungen möchte ich dem Phänomen des geistlich-spirituellen Missbrauchs näher nachgehen und dabei versuchen, diesen kriteriologisch näher zu bestimmen. Dabei geht es mir erstens darum, vorzustellen, was geistlich-spiritueller Missbrauch ist und worin er besteht, zweitens, warum es Sinn macht, ihn vom sexuellen als eine eigenständige Gewaltform zu unterscheiden, und drittens möchte ich ausgehend von existierenden Definitionen eine Reihe von Kriterien zur näheren Bestimmung geistlichen Missbrauchs vorstellen. Ich beschränke mich dabei vornehmlich auf eine katholische Perspektive, ich denke Analogien und Transfers auf die evangelisch-reformierte Kirche und Theologie sind leicht möglich. Noch eine kurze Vorbemerkung: Ich benutze die Begriffe geistlicher und spiritueller Missbrauch synonym, zum Teil auch gemeinsam als geistlich-spiritueller Missbrauch, da sie dasselbe meinen. Der Begriff des geistlichen Missbrauchs schließt noch eher an die Tradition des geistlichen Lebens an, auf das sich der geistliche Missbrauch bezieht, der Begriff spiritueller Missbrauch dagegen besser und sinnvoller an den englischen Begriff „spiritual abuse“ und die internationale Diskussionslage, der das Attribut „geistlich“ unbekannt ist.

2. Das Spezifische des spirituellen Missbrauchs

Seitdem die Bezeichnung geistlicher oder spiritueller Missbrauch in Deutschland ca. um 2017/18 aufgekommen ist, haben viele Betroffene – wie sie selbst von sich sagen – endlich eine Kategorie erhalten, dasjenige, was ihnen widerfahren ist, einzuordnen. Dabei finden sich international schon wesentlich früher erste Veröffentlichungen, die aber in unseren Breiten kaum Beachtung gefunden haben.

Die Untersuchung spirituellen Missbrauchs knüpft an die zu sexuellem Missbrauch an, erweitert die Forschungsperspektive jedoch noch einmal: Zum ersten treten beim spirituellen Missbrauch vor allem Erwachsene, vielfache junge Erwachsene und nicht Minderjährige wie in den bisherigen Studien zum sexuellen Missbrauch in den Fokus, und im Unterschied zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche kommen Frauen als Betroffene, aber durchaus auch als Täterinnen in den Blick. Damit werden noch einmal deutlich andere Themen in der Missbrauchsforschung virulent: So z.B. der Zusammenhang von Macht und Geschlecht und damit verbunden die Frage, dass und inwieweit Missbrauch an Frauen mit Misogynie verbunden ist (Leimgruber 2021). Es ist eine noch junge Tatsache, dass Frauen überhaupt als Opfer von Missbrauch anerkannt werden, denn lange wurde davon ausgegangen, dass Frauen keine Opfer von Missbrauch sein könnten, da sie ja erwachsene und mündige Personen sind und sich als solche wehren und nein sagen könnten. Dass es Situationen gibt, in denen eine solche Einvernehmlichkeit – wie man sie auch aus der sexualisierten Gewalt kennt – nicht hergestellt werden kann, macht das systemische Geflecht des spirituellen Missbrauchs überdeutlich. Forschungen zu geistlichem Missbrauch haben von daher auch eine spezifisch gendertheoretische Perspektive.

Mit dem geistlich-spirituellen Missbrauch rücken zum zweiten auch noch einmal andere Tatkontexte in den Vordergrund. Stehen bei der Untersuchung des sexuellen Missbrauchs die Pfarrgemeinde, die Ministrant*innen und Jugendarbeit und engere Seelsorgebeziehungen im Vordergrund, ist beim spirituellen Missbrauch ein wesentlicher Tatkontext das Setting der geistlichen Begleitung und die Beichte. Beide Orte sind und werden natürlich auch zu Orten beider Missbrauchsformen. Oft sind gerade in der geistlichen Begleitung die Übergänge zwischen geistlichem und sexuellem Missbrauch fließend und sind beide Formen miteinander verwoben. Mit spirituellem Missbrauch rücken drittens geschlossene oder wie Erving Goffmann sie genannt hat, totale Institutionen wie Ordensgemeinschaften näher in den Fokus. Katholischerseits sind dies zurzeit vor allem weibliche Ordensgemeinschaften, und die Geistlichen Gemeinschaften. Innerhalb dieser ist ein wichtiger Kontext die so genannte „Formationsphase“. Wie lässt sich nun Geistlicher Missbrauch näher bestimmen?

3. Bestimmungsversuche geistlich-spirituellen Missbrauchs

Geistlichen-spirituellen Missbrauch zu bestimmen stellt sich noch schwieriger dar als die Bestimmung sexuellen Missbrauchs, nicht zuletzt, weil hierzu kaum rechtliche oder kirchenrechtliche Regelungen vorliegen; ein Desiderat, zu dem dringlicher Handlungsbedarf gegeben ist. Inzwischen liegen einige Bestimmungsversuche zu Geistlichem Missbrauch vor, nicht einfach zu fassen sind nach wie vor die Randbereiche des Begriffs, also wann spiritueller Missbrauch beginnt, was bereits als solcher zu werten ist oder auch nicht und vor allem wer darüber entscheidet.

Spiritueller Missbrauch geschieht in einem geistlichen Setting, ob das in der Gemeinde oder in einer Ordens- oder Geistlichen Gemeinschaft ist. Dieses Setting ist immer durch asymmetrische und damit bereits in sich machtförmige Beziehungskonstellation bestimmt. D.h., es gibt eine geistliche Autoritätsperson, die den:diejenige, die geistliche Begleitung sucht oder wie z.B. in einer Ordens- oder geistlichen Gemeinschaft eine geistliche Formation erhält, im geistlichen Leben führt. Inzwischen sehr bekannt ist die Definition, die der Jesuit Klaus Mertes vorgelegt hat. Er beschreibt geistlichen Missbrauch ausgehend vom Kontext der geistlichen Begleitung als eine Verwechslung der geistlichen Autoritätsperson mit der Stimme Gottes, die in drei Varianten auftreten könne: a) Die geistliche Autorität verwechselt sich selbst mit der Stimme Gottes, b) die Person, die Begleitung sucht, idealisiert die geistliche Autorität so sehr, dass sie sie mit der Stimme Gottes verwechselt, und im gravierendsten Fall c) unterliegen beide dieser Verwechslung. Die Theologin Doris Reisinger bestimmt spirituellen Missbrauch als Einschränkung der spirituellen Selbstbestimmung, die in den drei Formen a) spirituelle Vernachlässigung, d.h. es findet keine spirituelle Sorge um den anderen statt, b) spirituelle Manipulation und c) spirituelle Gewalt Ausdruck finde. (Mertes in Reisinger 2019, 5)

Weitere Definitionsversuche rücken explizit die Machtdimension in den Vordergrund, nach Katharina Kluitmann ist geistlicher Missbrauch ein Sammelbegriff „[…] für verschiedene Formen emotionalen Missbrauchs und Machtmissbrauchs im Kontext des geistlichen, religiösen Lebens, vor allem in Formen der Begleitung (Beichte, ‚Seelenführung‘, geistliche Begleitung…) und in Gemeinschaften und Gemeinden.“ (Kluitmann 2023) In eine ganz ähnliche Richtung argumentiert auch die Pädagogin und selbst Betroffene geistlichen Missbrauchs Hannah Schulz (2022), die diesen als „eine mehr oder weniger offensichtliche, andauernde Manipulation, Unterdrückung und Ausnutzung anderer im ‚Namen Gottes‘“ kennzeichnet. Darin schwingt der systemische Charakter bereits mit. In einem Arbeitspapier (2022) einer gemeinsamen Tagung der Ansprechpartner:innen für Geistlichen Missbrauch auf Ebene der DBK wird geistlicher Missbrauch wie folgt definiert:

„Von geistlichem Machtmissbrauch ist die Rede, wenn christliche Gottesbezüge, Religion oder Tradition so benutzt werden, dass die persönliche Freiheit und spirituelle Selbstbestimmung missachtet und die Würde der Betroffenen und ihre psychische und seelische, ihre soziale und gegebenenfalls auch physische Integrität schwerwiegend verletzt werden.“ (DBK, Arbeitspapier Tagung Ansprechpartner GM 2022)

In ihrer gerade veröffentlichten Arbeitshilfe (2023) zur Geistlichem Missbrauch unterscheiden die Bischöfe zwischen geistlichem/spirituellem „Machtmissbrauch“ und „Missbrauch geistlicher Autorität“. Damit versuchen sie der Tatsache Rechnung zu tragen, dass nicht jeder Missbrauch im kirchlichen Kontext geistlicher Missbrauch ist und geistlicher Missbrauch sich zudem nicht von der Person bzw. Bezeichnung des Geistlichen her bestimmt.

Diese Definitionsversuche haben den Vorteil, das Phänomen in Gänze zu umreißen, darin bleiben aber viele Bereiche noch klärungsbedürftig, vor allem zu operationalisieren. Ich möchte Ihnen im Folgenden einige Kennzeichen von Spirituellem Missbrauch im Sinne solcher Klärungen anbieten und nehme sie damit in meine eigene Werkstatt, den Begriff näher zu fassen, mit hinein. Ziel ist es, Struktur in eine komplexe Gemengelage zu bringen und damit aufzuklären, worum es bei spirituellem Missbrauch eigentlich geht.

4. Kennzeichen spirituell-geistlichen Missbrauchs

Auch ich möchte einen grundsätzlichen Definitionsversuch vorschalten, um dann auf einzelne Kennzeichen einzugehen, die zugleich als Kriterien der Bestimmung von Praktiken als Praktiken geistlichen Missbrauchs dienen sollen.

Spiritueller oder geistlicher Missbrauch ist ganz grundlegend der unzulässige/illegitime Über- und Eingriff in das geistliche Leben, in die Spiritualität des Gegenübers. Dabei kommt dieser Über- und Eingriff ohne körperliche Übergriffe seitens des ‚Täters‘, der ‚Täterin‘ aus, stellt aber gleichwohl einen deutlichen Eingriff und eine Verletzung nicht nur der persönlichen Integrität, sondern auch der leib-seelischen Gesundheit des Menschen dar und ist so zutiefst mit Körperpolitiken verbunden. In seinem innersten Kern besteht der Missbrauch darin, mittels und im Horizont einer geistlichen Doktrin, Macht über das Gewissen des Gegenübers zu erlangen und die völlige Selbstaufgabe des Anderen nicht nur zu fordern, sondern auch mit geeigneten Mitteln durchzusetzen. Insofern stellt spiritueller Missbrauch eine illegitime und von außen aufoktroyierte Verletzung des Rechts auf spirituelle Selbstbestimmung dar, wie Doris Reisinger (2023, 149) dies bereits formuliert hat,

Verdeutlichen möchte ich die folgenden Kennzeichen mit Beispielen aus der zurzeit von mir durchgeführten Studie zu geistlichem Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften. Aufgrund Die Namen, die sie auf der Folie finden, stellen dabei Pseudonyme dar.

  1. Zunächst, spiritueller Missbrauch ereignet sich immer in Beziehungen, die von Vertrauen geprägt sind und ist so immer mit einem Missbrauch des Vertrauens verbunden, nutzt dieses zu eigenen Zwecken und zerstört es damit fundamental. Prozesse geistlicher Begleitung B. leben von solchen Vertrauensbeziehungen, aber auch wenn sich jemand für ein gottgeweihtes Leben entscheidet, vertraut er sich den ausbildenden Postulat- und Novizenmeister:in – unter Einschränkung eines Teiles seiner spirituellen Selbstbestimmung – für die spirituelle „Formung“ in der Ordenstradition an.
  2. Spiritueller Missbrauch wird unabhängig von der Gesinnung des:der ‚Täter:in‘ durch den Schaden und damit auch durch die Folgen definiert, den das Opfer erfährt bzw. erleidet, nicht durch die Absicht des Täters. (Fernandez 2022) Ein Beispiel dazu, Zitat: Ich [habe] selber von diesem geistlichen Missbrauch meinen Streifen abbekommen, weil ich mächtig unter Druck gesetzt wurde. (4s) Dieser Weg ist richtig und gehst du den nicht, dann hast du dir die Konsequenzen selber zuzuschreiben.“ Oftmals ist die Intentionalität der Täter:innen eine in scheinbar ‚guter‘ Absicht, die allerdings nicht die Perspektive des Gegenübers mitbedenkt oder auch eine, die sich in Übereinstimmung mit den Zielen der Kirche steht, z.B. jungen Menschen Orientierung zu geben. Sie haben es oft „gut gemeint“, was jedoch nicht gut Das kann jedoch nicht für die Beurteilung einer Tat ausschlaggebend sein, sondern die Folgen der Tat und der für das Individuum dadurch erlittene Schaden des Opfers. Wenn Menschen z.B. eine absolute Erschütterung ihrer Gottesbeziehung erleben oder noch Jahre nach dem Missbrauch unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, hat das als Kriterium der Bestimmung von geistlichem Missbrauch zu gelten. Die Folgen unterscheiden sich hier nicht von denen des sexuellen Missbrauchs.
  3. Spiritueller Missbrauch ist durch unterschiedliche Intensitätsgrade Das beginnt bei der einzelnen Handlung oder Situation, die in sich vielleicht noch keine oder geringe missbräuchliche Wirkung, also keinen oder geringen Schaden beim Gegenüber entfaltet, etwa wenn eine geistliche Autoritätsperson ihr Gegenüber mit der Aussage konfrontiert:

„In solchen und weiteren Gesprächen hörte ich von ihr die Botschaft […]: ‚Du bist für ein Leben im Orden bestimmt.‘ Ich selbst hatte damals ein anderes Lebenskonzept, wollte gerne Ehe und Kinder. Das hat mich verunsichert, zumal all meine Freundinnen schließlich ins Kloster gingen. War ich berufen fürs Kloster? Musste ich ins Kloster, auch wenn ich gar nicht wollte?“ (Abgabe Maria Gerhardt) Das mag in der einzelnen Aussage vielleicht noch nicht so stark missbräuchlich erscheinen, ist aber in der Direktheit der Aussage dennoch deutlich übergriffig. Geistlicher Missbrauch steht hier in engem Zusammenhang mit einer konkreten Tat-Handlung und nutzt die geistliche Autorität zu einer imperativischen Aussage, die kaum noch Freiheit für das Gegenüber lässt.

Den höchsten Grad an Intensität des Eingriffs stellt die Handlung dar, die Dysmas de Lassus (2022, 220), als Zugriff auf „Innerste“ des Anderen bezeichnet, in der Regel verbunden mit dem Verlangen einer absoluten „Herzensöffnung“, die ausschließlich gegenüber der geistlichen Autoritätsperson zu erfolgen hat und mit Sanktionsankündigungen bei Widerstand verbunden ist. Durch solch eine Praxis des Zugriffs ist keine Privat- und Intimsphäre mehr zugelassen, und es wird die vollständige Unterwerfung, die Subjektivierung des:der Anderen zu erreichen gesucht. Das ist der Fall, etwa dann, wenn die Aufforderung an das Gegenüber ergeht, bis in die intimsten Details alles zu erzählen, und Schuldgefühle evoziert werden, wenn man nicht alles preisgeben will bis dahin, dass diese Schuldgefühle so internalisiert sind, dass selbst bei vollständiger Öffnung immer noch die Angst bleibt, dass man sich nicht vollständig geöffnet habe. Auch hier ein Beispiel zur Verdeutlichung aus einem Interview:

[Sie] hat beispielsweise verlangt, „dass wir laut beten sollten […] sie [hat] richtig verlangt, dass wir das miteinander tun und vor allen Dingen […] ging ging das auch oft um sehr, sehr intime Dinge. Die habe ich einfach preisgegeben, weil ja, weil ich dachte es ist richtig so. Ja, dann bist du in der Nachfolge oder in der, bist du dann richtig. Und da hab ich einiges ausgeschüttet, was mir heute noch unangenehm ist.“ (Sr. Agnes Allegria*23)

Anders formuliert: Spiritueller Missbrauch erfolgt in unterschiedlich intensiven Ausprägungen: beginnend bei Ein- und Übergriffen in die Spiritualität und die Persönlichkeit des Gegenübers, über autoritäre Handlungen wie Nötigung, Zwang, Druck, bis zum Brechen von Autonomie und der Subjektivierung des:der Anderen.

  1. Der Missbrauch wird dabei in einem Kontinuum von Einzeltat und einer eng miteinander verflochtenen Aneinanderreihung missbräuchlicher Handlungspraktiken verübt, die kumulativ wirken und sich wechselseitig verstärken. Dieses Kennzeichen ist sehr entscheidend, denn häufig entfaltet die einzelne Tat noch nicht zwingend eine missbräuchliche Wirkung (s.o.), aber durch den kumulativen Charakter der stetigen Wiederholung und der systemischen Verflochten- und Eingebundenheit in ein mehr oder weniger geschlossenes System, aus dem ein Ausbrechen nicht möglich ist, entfaltet das einzelne missbräuchliche Handeln seine systemische Wirkung. Eine Interviewte formuliert in unserer Studie:

„Und ich selber behaupte, das, was da gelaufen ist, ohne dass ich das an eine Person binden kann, sondern so ein ganzes Gefüge hat, zumindest was mich betrifft, geistlichen Missbrauch erstellt. Und dabei war es der gesamte Alltag, wie wir am Tisch gesessen haben- war ja immer- es war ja so durchzogen, insgesamt durchzogen, wie so ein Geruch einen ganzen Raum durchzieht- war ja durchzogen von diesem Zersetzenden.“ (Sr. Amara Veronika*28)

Gestützt wird dieser systemische Charakter des Missbrauchs, insbesondere in Orden oder Geistlichen Gemeinschaften, zum einen durch ein System von so genannten „deployable agents“, wie die Soziologin Jana Lalich (2017) diese Gruppe genannt hat, worunter die ergebenen „Diener:innen“ der Leitung oder aber die Delegierten der Leitung zu verstehen sind, die die Ziele derselben als zweite informelle Leitungsebene durchsetzen. Zum anderen durch ein Komplizensystem, das auf der Ebene der Peers angesiedelt, und das den Zustand des dauernden wechselseitigen Beobachtens und Beurteilens hinsichtlich der Erfüllung der Spiritualitätsverpflichtungen, des Maßes der Hingabe, etwaiger Abweichungen von der vorgegebenen Norm sowie der Rückmeldung an die Leitung bedeutet. Der systemische Charakter besteht darin, dieser Komplizenschaft nicht entkommen zu können, wie de Lassus betont: „Jeder wird zum Komplizen, denn alle sind von der Gruppendynamik oder den Manipulationen des Oberen geprägt und tragen in sich selbst einen urteilenden Blick auf die kleinsten Abweichungen der anderen, auf Anzeichen von Schwäche.“ (de Lassus 2022, 55

  1. Spiritueller Missbrauch realisiert sich in konkreten missbräuchlichen Handlungspraktiken wie etwa in der schon genannten Forderung einer absoluten Öffnung des Inneren, aber auch in Praktiken der Bewertung/Abwertung; in double binds, in Beschämungen, Verunsicherungen, Drohungen, Normalisierungen, Bagatellisierungen, Diskreditierungen, Druck auf das Gegenüber, in Spiritualisierungen von Aussagen und Handlungen sowie in einem insgesamt willkürlichen und unberechenbaren Leitungs- bzw. Autoritätsgebahren. Ich nenne hier ein Beispiel aus unserer Studie, das eine solche Beschämungspraxis deutlich macht. Der Kontext ist die Sitzung eines Kreises, der gemeinsam die Pastoralkonstitution des II. Vatikanums studiert:

„Und dann hat sie [Sr. S., JK] das vorgesagt und wir haben es wirklich wörtlich so wiederholt wie so kleine Kinder im Schulunterricht: „Freude und Hoffnung“, „Freude und Hoffnung“, „Wie habe, was habe ich gerade gesagt?“ „Freude und Hoffnung.“ „Ja, ihr sagt das aber, wie wenn ihr traurig seid. Bisschen fröhlicher bitte, ja?“ „Freude“, also sie hat wirklich sehr massiv auch in diesem katechetischen Handeln sehr erniedrigend manchmal, alle erniedrigend, wie ich finde, aber auch einzelne Personen erniedrigend, mit uns gearbeitet.“ (Jan Schulz* 50)

  1. Spiritueller Missbrauch ist in ein Setting eingebettet, das religiös, sakral und/oder spirituell aufgeladen ist und geschlossenere oder offenere Handlungsräume wie B. Ordensgemeinschaften, Geistliche Gemeinschaften, Settings wie geistliche Begleitung, aber auch unterschiedliche Seelsorgekontexte an unterschiedlichen Orten (territoriale wie kategoriale Seelsorge) umfasst. Spiritualität ist eine leib-seelische Ausdrucksform und insofern verbinden sich mit spirituellem Missbrauch auch hegemoniale Körperpolitiken. Jeder Eingriff in diese stellt nicht nur einen Eingriff in die persönliche Integrität der Person dar, sondern darüber hinaus auch in die leib-seelische Gesundheit des Menschen. Die seelischen wie körperlichen Auswirkungen des Missbrauchs verdeutlichen dies, wie die eingangs zitierte Formulierung: ich fühle mich „vergewaltigt in meiner inneren Identität“ oder es war ein „erzwungenen Zutritt zum Heiligtum des inneren Lebens“ (de Lassus, 2022, 220) deutlich macht. Betroffene berichten von einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die sie haben, von Flashbacks und Panikattacken, die sie ereilen, wenn sie durch einen Geruch, ein Geräusch, eine Atmosphäre erinnert werden, von einem beschädigten Selbstwertgefühl, von generalisierten Angststörungen.

Entscheidend für die Beurteilung spirituellen Missbrauchs ist neben diesen Kriterien der Kontext der Tathandlung und -handlungen, die jeweils mit zu analysieren sind. Darin können die Absichten des:der Täter:in sehr wohl eine Rolle spielen, wenn die Handlung z.B. gezielt eingesetzt wird, jemanden gefügig zu machen.

Geistlich-spiritueller Missbrauch ist neben der objektiv zu beschreibenden „äußeren“ Seite des Missbrauchs auch durch eine individuell-subjektive Seite des „inneren“ Erlebens seitens der Betroffenen gekennzeichnet. Dabei muss das innere Erleben inkl. des erfahrenen Leids nicht unbedingt mit der objektiv-äußeren Seite korrespondieren. Das bedeutet zum einen, dass die gleichen missbräuchlichen Praktiken hinsichtlich Intensität und Wirkung individuell sehr unterschiedlich erlebt werden können, und zum anderen, dass der erfahrene und erlittene Missbrauch auch in großem zeitlichen Abstand zum eigentlichen Missbrauchsgeschehen nach wie vor seine Wirkung entfalten kann. Wie das subjektive Erleben und die Wirkung von Missbrauch sich entfalten, ist dabei von individuellen Dispositionen und vulnerablen Vorerfahrungen abhängig, was in der jeweiligen Situation berücksichtigt werden muss.

Abschließend möchte ich die Perspektive noch einmal etwas verändern und den Blick darauf richten, wie Spiritualität per se missbraucht und instrumentalisiert wird. Spiritueller Missbrauch ‚bedient‘ sich quasi der „Spiritualität“ auf vier unterschiedlichen Ebenen:

a) als Bedürfnis: D.h. Spiritueller Missbrauch knüpft an die spirituelle Suche, die Suche nach intensivem Glaubensleben und dem Wunsch nach einer radikalen Nachfolgepraxis von Menschen an und nutzt diese Offenheit von oft jungen Menschen für Hinweise, wie diese Radikalität und Intensität gelebt werden kann, für den Über- und Eingriff in die Spiritualität des Gegenübers. Die Radikalität ist ein häufiges Motiv, das Menschen an Orden oder Geistlichen Gemeinschaften Der Missbrauch geschieht dann z.B. durch die Forderung einer gewisse Leistungsspiritualität, die auf der Annahme beruht, die Intensität des Glaubenslebens könne durch eine quantitative Gebets- und Glaubenspraxis gesteigert werden. Diese Suche beschreiben Teilnehmer:innen unserer Studie so:

„(D)ieses spirituelle Leben hat mich angezogen die Freunde, die (..), die ich da hatte, die mit mir Glaubensleben so intensiv auch geteilt haben, was ich sonst so in der normalen Welt nicht so hatte“ (Tobias Eisenberg* 15). „[I]ch war ein Mensch, der immer auch so ein bisschen mehr gesucht hat als dies banale Leben […] irgendwie habe ich schon so was wie eine Gottesnähe gesucht […] also etwas, was das Herz zufriedenstellen kann“ (Jan Schulz* 14).

„Und ich fand auch ansprechend eine gewisse Klarheit, man kann es auch gerne Radikalität nennen.“ (Tim Steinberg 23) „Und dann ging es um eine Frömmigkeit der Ganzhingabe. Das war ein sehr hohes Ideal, und das hat mich irgendwie auch gezogen.“ (Tobias Eisenberg* 15).“

b) als Inhalt: Geistlicher Missbrauch bedient sich der Spiritualität auf der Ebene der Glaubensinhalte, die in ihrer Bedeutung pervertiert werden, z.B. das Hingabemotiv, das Sünden und Sühneverständnis, das Verständnis von Gehorsam und Demut, das Motiv von der Gotteskindschaft und Erwählung und nicht zuletzt auch das Gottesbild und Gottesverständnis. Oft geht es darum, dass diese Theologumena genutzt werden, um das Selbst zu schwächen, zu erniedrigen, bis dahin, es auszulöschen. Leistungsspiritualität und theologischer Gehalt gehen hier insofern eine unselige Kombination ein, als der Missbrauch darin besteht, dem Gegenüber zu signalisieren, dass es „nie genug ist“, nicht genug hingegeben, nicht intensiv genug gebetet, nicht genügend die eigene Schuld erkannt, zu stolz und hochmütig gewesen zu sein. Einer Studienteilnehmerin, der die Bindung zu einer der Hauptprotagonist:innen in unserem Projekt zu eng wurde, habe diese, als diese den Wunsch nach mehr Abstand formulierte, erwidert:

„‘Ich bin für dich das Tor zu Gott, wenn du mich (..) verlässt, verlierst du Gott. (..) und dass sie (Hauptprotagonistin] sie nicht lieben könne, weil sie „hochmütig und stolz“ sei, und auch Gott könne sie so nicht lieben.“ (Sr. Gisela Ulrike*52; 90)

c) als Erklärung: Spiritualität wird drittens im geistlichen Missbrauch als Erklärung in Form von Spiritualisierungen So z.B., dass man wie eine Studienteilnehmerin uns berichtete, an der Tatsache, Kinder zu gebären, zum einen erkennen könne, „dass man im Geist“ (Ingrid Fischer*395) sei. Oder dass sich in der Tatsache, dass Frauen Leben schenken können, der „Heilige Geist aus“ drücke (Ingrid Fischer* 395). Ferner wurde behauptet: „wenn man zum Beispiel, seine Kinder leicht bekommt, also wenn die Geburt einfach ist, dann ist man sehr offen für den heiligen Geist.“ (Ingrid Fischer*395), aber eben auch umgekehrt, insbesondere dann, wenn jemand keine leichten Geburten hatte, dass man dann aus der Nähe Gottes ausgeschlossen sei.

d) als Legitimation: Und schließlich wird Spiritualität allzu häufig auch als Legitimationsfolie für eine missbräuchliche Praktik eingesetzt. Das ist dann der Fall, wenn eine Aufgabenübertragung mit dem Willen Gottes begründet werden, z.B. eine bestimmte Stelle oder Aufgabe zu übernehmen. In Ordens- und Gemeinschaftskontexten verbinden sich solche Legitimierungen vielfach mit dem Gehorsamsgelübde.

Spiritueller Missbrauch ist ein spezifisch an Religion gebundenes bzw. ein genuin religiöses Phänomen, das in dieser spezifischen Form nur in Religion(en) vorkommt, weil in dem verübten Missbrauch immer wieder auf religiöse Gehalte rekurriert wird bzw. diese für die Begründung und Legitimierung des Missbrauchs dienstbar gemacht und herangezogen werden. Mit „Religion“ ist hier – knapp formuliert – ein Sinndeutungssystem gemeint, das auf ein Absolutes bezogen ist, oder aber mit dem Soziologen Thomas Luckmann (1991) gesprochen auf eine „große“ Transzendenz.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Weiterführende Informationen zum Thema des spirituellen Missbrauchs sind hier zu finden:

Literatur:

DBK (2022): unveröfftl. Arbeitspapier Tagung Ansprechpartner Geistlicher Missbrauch.

DBK (2023): Missbrauch geistlicher Autorität. Zum Umgang mit Geistlichem Missbrauch, hg, vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Arbeitshilfe 228: Bonn 2023.

De Lassus, Dysmas (2022): Verheißung und Verrat. Geistlicher Missbrauch in Orden und Gemeinschaften der katholischen Kirche. Münster: Aschendorff.

Leimgruber, Ute; Haslbeck, Barbara (2023): Angriff auf das Innerste. In: Haslbeck, Barbara; Leimgruber, Ute; Nagel, Regina; Rath, Philippa (Hg.): Selbstverlust und Gottentfremdung. Spiritueller Missbrauch an Frauen in der katholischen Kirche. Freiburg: Herder, 17–56.

Kluitmann, Katharina, Was ist geistlicher Missbrauch? Grenzen, Formen, Alarmsignale, Hilfen, https://www.orden.de/dokumente/4._Aktuelles/Themen/Missbrauch/ok_innenseiten_ok_2_2019_kluitmann.pdf (Zugriff 09.07.2023.

Mertes, Klaus: Vorwort zu Doris Reisinger, Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche, Freiburg 2019.

Reisinger, Doris (2019: Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche, Freiburg: Herder.

Schulz, Hannah (2024): Emprise – Einflussnahme und Selbstentfremdung. In: Leimgruber, Ute; Haslbeck, Barbara (Hg.): Spirituellen Missbrauch verstehen. Wissenschaftliche Essays zu Selbstverlust und Gottentfremdung. Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag, 75–89.

Luckmann, Thomas: Di unsichtbare Religion, Frankfurt 1991.

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