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Wie gelingt Zusammenleben in religiöser Vielfalt?

3. Juni 2026

In der Schweiz leben heute Menschen aus vielen Nationen und Glaubensrichtungen Tür an Tür. Echte Begegnungen bleiben oft aus. Was braucht es, damit Zusammenleben in religiöser Vielfalt gelingt, nicht nur funktioniert? Es sind weniger Worte als gemeinsame Erfahrungen, die Menschen zusammenbringen.

Von der bi-konfessionellen Schweiz zur religiös pluralen Migrationsgesellschaft

Die religiöse und kirchliche Landschaft in der Schweiz hat sich in den letzten 30 Jahren stark verändert. In den meisten Kantonen ist die Mitgliederzahl der Evangelischen Kirche Schweiz rapide gesunken, während die Bedeutung anderer Konfessionen und Religionen zugenommen hat. Darüber hinaus gehören viele in der Schweiz lebende Menschen keiner formalen Religion mehr an. Drei Entwicklungen prägen die religiöse und kirchliche Landschaft in der Schweiz heute: De-Institutionalisierung, Pluralisierung und Diversifizierung.

Weniger Mitglieder bedeutet nicht weniger Spiritualität

Die Strukturerhebungen des Bundes der vergangenen Jahrzehnte zeigen deutlich: Die Mitgliedschaft in institutionalisierten Religionen ist zurückgegangen. Im Jahr 2024 geben mehr als ein Drittel der Schweizer Bevölkerung an, ohne Religionszugehörigkeit zu sein, während dies 1990 noch weniger als 10 % taten.

Dieses Ergebnis bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Menschen zunehmend weniger religiös oder spirituell werden. Es zeigt vielmehr, dass sie sich weniger an Institutionen binden und sich zunehmend anders organisieren.

Eine asymmetrische Pluralisierung

Betrachtet man jenen Teil der Bevölkerung, der weiterhin einer Religion angehört, zeigt sich eine deutliche Pluralisierung der Landschaft.

Die Anteile der Menschen, die der Römisch-Katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche Schweiz angehören, haben zwischen 2010 und 2024 um jeweils 9 Prozentpunkte abgenommen (auf 30% bzw. 19%). Im Gegensatz dazu hat der Anteil der muslimischen und aus dem Islam hervorgegangenen Glaubensgemeinschaften von 4.5% auf 6% leicht zugenommen und jener der Personen ohne Religionszugehörigkeit ist gar um 17 Prozentpunkte auf 37% angestiegen.

Das Gesamtbild ist damit deutlich pluraler als vor dreissig Jahren. Die bis Ende der 1990er Jahre klar erkennbare Zweiteilung der Schweiz in katholisch und reformiert existiert längst nicht mehr.

Recht und Politik hinken der Realität hinterher

Die Schweiz ist aber nicht einfach gleichmässig pluraler geworden, sondern asymmetrisch pluraler. Nach wie vor gehört mehr als die Hälfte der Bevölkerung einer christlichen Kirche oder Gemeinschaft an. Die muslimische Bevölkerung ist mit rund 6% die grösste religiöse Minderheit.

Asymmetrisch ist die Pluralisierung auch deshalb, weil sie auf der Ebene von Gesetzgebung und politischen Aushandlungsprozessen hinterherhinkt. Während die gesellschaftliche Realität pluraler geworden ist, sind rechtliche und politische Strukturen noch nicht nachgezogen. Das wird beispielsweise daran deutlich, welche Religionsgemeinschaften eine Form von staatlicher Anerkennung geniessen und wie diese Anerkennungsprozesse verlaufen.

Christliche Vielfalt

Betrachtet man das Christentum in der Schweiz näher, zeigt sich eine weitaus grössere Diversifizierung als noch vor zwanzig Jahren.

Entgegen der medialen Darstellung haben sich Migrationsbewegungen vor allem auf die Zusammensetzung des Christentums in der Schweiz ausgewirkt. In nahezu allen europäischen Ländern, mit Ausnahme Frankreich, stand in den vergangenen Jahrzehnten christliche Zuwanderung im Vordergrund. Während die Mitgliederzahl der Römisch-Katholischen Kirche aufgrund von Migration vergleichsweise stabil geblieben ist, ist die Mitgliedschaft in der Evangelischen Kirche Schweiz stark zurückgegangen.

Ein Boom in der Gemeindegründung durch Fluchtmigration

Daneben besteht eine grosse Vielfalt anderer christlicher Konfessionen, die in der Schweiz unter dem Begriff Freikirchen zusammengefasst werden. Fluchtmigration führte Anfang der 2000er dazu, dass man von einem regelrechten Gemeindegründungsboom sprechen konnte im protestantischen Bereich. Im katholischen Bereich setzte die Diversifizierung durch Gastarbeitende schon früher ein. Durch die Flucht aus Kriegsgebieten, wie etwa aus Syrien, wächst auch der Anteil orthodoxer Christ:innen.

Das Christentum in der Schweiz war tatsächlich noch nie so vielfältig wie heute.

Diversifizierung spielt auch für muslimische Gemeinschaften eine bedeutende Rolle. Fluchtmigration kann zu einer regelrechten Bewährungsprobe für die Handlungsfähigkeit der bestehenden islamischen Organisationen werden, die in der Schweiz meist entlang sprachlicher und ethnischer Grenzen organisiert sind.

Sichtbarmachung als erster Schritt einer konvivialen Praxis

Es gilt für die Forschung – und im Grunde genommen auch oder vor allem für die Politik – die Pluralisierung und Diversifizierung der religiösen Landschaft der Schweiz besser sichtbar zu machen.

Sichtbarkeit ist ein erster, notwendiger Schritt für gelingendes Zusammenleben. Nur wer die Verschiedenen kennt, kann auf sie zugehen. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten beispielsweise sogenannte Audioguides, die das Netzwerk unsichtbar für die Städte Leipzig, Göttingen, Halle, Kiel, Marburg, Münster, Luzern und Basel entwickelt hat. In kurzen Audio-Beiträgen werden Religionsgemeinschaften vorgestellt und ermöglichen Hörenden persönliche Einblicke in das Leben religiöser Menschen.

Religiöse Pluralität als politisches Konstrukt

Migration verändert Kirche und Gesellschaft nicht nach einem bestimmten Muster, sondern in vielen kleinen, oft unscheinbaren Bewegungen. Eine davon ist die Auseinandersetzung mit religiöser Pluralität, die nicht einfach einen neutralen Sachverhalt darstellt, sondern zugleich ein politisches Konstrukt ist, das positiv besetzt oder als Schreckensgespenst gezeichnet werden kann. In öffentlichen Debatten begegnen uns Metaphern wie «Flüchtlingswellen» oder «Ansturm», Bilder, die Bedrohung und Überforderung suggerieren und geflüchtete Menschen als eine Art Naturgewalt ohne menschliche Züge erscheinen lassen.

Andere Bilder sind möglich und notwendig

Das ist nicht nur entwürdigend für die Menschen, die in die Schweiz migrieren; solche Bilder begünstigen auch eine kollektive Lethargie, die schädlich ist für das Zusammenleben. Sie vermitteln den Eindruck, religiösen Veränderungen durch Migration sei man hilflos ausgeliefert, ohne Möglichkeit zur Mitgestaltung.

Dieser Haltung einer kollektiven Trägheit können und müssen andere Bilder entgegengesetzt werden. Das geschieht auch. Meist im Kleinen, manchmal im Verborgenen. Auf kommunaler Ebene entstehen pragmatische Arrangements zwischen Staat und Religionsgemeinschaften, etwa am Runden Tisch der Religionen, aber auch Beziehungspflege zwischen Gemeinschaften selbst, durch gegenseitige Besuche oder das Teilen von Räumlichkeiten.

Konviviale Praktiken als Strategien im Umgang mit religiöser Pluralität

Im Rahmen des an der Universität Basel durchgeführten Forschungsprojektes Conviviality in Motion unter der Leitung von Prof. Dr. Andrea Bieler habe ich eine Querschnittstudie zu interreligiösen Praktiken und Deutungen in superdiversen christlichen Gemeinden vorgenommen. Ich habe untersucht, wie religiöse Diversität im Alltag wahrgenommen, ausgehandelt und gelebt wird, und welche Formen konvivialen Zusammenlebens dabei entstehen.

Es hat sich gezeigt: Interreligiöse Kontakte sind selten dauerhaft institutionell verankert, aber oft tief persönlich geprägt. Sie beruhen auf Beziehungspflege, die sich in unterschiedlichen Strategien zeigt, leben von spiritueller Teilhabe und gemeinsamer Verantwortung.

Häufig wirken sogenannte «dritte Themen» wie Kunst oder Nachbarschaft als verbindende Elemente.

Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit, zusammengefasst unter dem Stichwort «Belonging», wurde in den untersuchten Gemeinden nicht nur inhaltlich oder dogmatisch bestimmt, sondern auch affektiv gefüllt, beispielsweise in gemeinsam gefeierten Ritualen.

Ein solches Ritual, durch das Zugehörigkeit hergestellt wird, möchte ich im Folgenden nachzeichnen

Fallbeispiel: Fürbittenabend in einer ökumenischen Ferienwoche

Seit mehr als 20 Jahren bietet ein Team von über 30 Ehrenamtlichen eine Ferienwoche in einer wunderschönen Bergkulisse an. Die ökumenische Ferienwoche verbindet Erholung, Naturerlebnisse, kreative Momente und die Möglichkeit, den eigenen Glauben in einer internationalen Gemeinschaft von Jung und Alt, Familien, Paaren und Einzelpersonen weiterzuentwickeln. Etwa 150 Menschen aus rund 20 Nationen mit unterschiedlichen konfessionellen und religiösen Hintergründen nehmen teil. An einem Abend findet ein Fürbittenabend statt. Dieser Gebetsabend lässt sich als eine gemeinsame spirituelle Pilgerreise zwischen verschiedenen Orten und religiösen Themen beschreiben.

Eine Reise von aussen nach innen

Der Gebetsabend beginnt im grossen Saal, in dem sich die Gemeinschaft auch zu anderen Veranstaltungen versammelt. Ein hölzernes, selbstgebautes Kreuz steht in der Mitte des Saals; zum Auftakt der Reise wird gemeinsam ein Kyrie gesungen, begleitet von tänzerischen Bewegungen. Das Kreuz wird mitgetragen und während der gesamten Reise abwechselnd gehalten. Ein sichtbares Zeichen dafür, dass alles vom Ereignis Christi am Kreuz umrahmt ist, eine klar christliche, ja reformierte Aussage. Und dennoch: Verschiedene Menschen sind dabei. Verschiedene Menschen beten. Zuerst drinnen im grossen Saal, dann draussen an einem Lagerfeuer, und schliesslich in einer kleinen Kirche, die nur von Kerzenlicht erhellt und von Taizé-Gesängen erfüllt ist.

Schuhe ausziehen, Kerzen anzünden, schweigen

Orthodoxe Christen ziehen beim Betreten der Kirche ihre Schuhe aus, muslimische Männer sitzen in den hinteren Reihen der Kirche. Alle sind ruhig, manche singen, und hin und wieder geht jemand nach vorne, zündet eine Kerze an und stellt sie auf den Altar. Zunächst beten an diesem Abend verschiedene Menschen laut in den Sprachen ihrer Herkunftsländer; sie beten für Frieden und Gesundheit. Dann betet jeder still für seine eigenen Anliegen. Nicht alle beten – manche schauen nur zu und hören zu –, doch alle begegnen einander mit gegenseitiger Hingabe und Respekt.

Bedürftigkeit als kleinster gemeinsamer Nenner

Im Mittelpunkt des Abends steht die Bedürftigkeit des Menschen und seine Abhängigkeit von einem unsichtbaren und transzendenten Gegenüber. Das ist die inhaltliche oder dogmatische Klammer, die in diesem Kontext Menschen verbindet und zusammenhält. Die Bedürftigkeit des Menschen und seine Abhängigkeit von etwas Grösserem steht als verbindendes Element im Raum. Sozusagen als kleinster gemeinsamer Nenner, mit dem alle mitgehen können.

Licht, Dunkelheit und Gesang schaffen einen Raum, der von allen geteilt wird.

Nicht nur dogmatische Überzeugungen, sondern Atmosphären und Emotionen spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung von Beziehungen.

Eine Atmosphäre entsteht nicht zuerst durch das gesprochene Wort, sondern durch nonverbale Dimensionen. Durch Licht und Dunkelheit, durch Musik und Gesang, durch Raum und dadurch, wie die Menschen im Raum angeordnet sind.

Wenn Energie mehr sagt als Worte

Solche ästhetischen Erfahrungen von Musik, von geteilter Stille oder gemeinsamem Gesang können kognitive Deutungsprozesse übersteigen und Menschen öffnen für die Begegnung mit anderen, für die Erfahrung mit dem Fremden, für die Erfahrung mit Gott. Es sind weniger Worte als vielmehr Energiedynamiken, die entscheiden, ob Menschen sich willkommen fühlen, ob ein Gefühl von Heimat entstehen und Gott erfahren werden kann.

Musik als Medium in interreligiösen Begegnungen

Musik als Medium in interreligiösen Begegnungen erfreut sich wachsender Beliebtheit. Musik hilft Menschen, sich dem Religiösen zu öffnen, und Klang und Raum können Ruhe, Nachdenklichkeit und eine Haltung des Gebets auslösen.

Wie Verena Grüter jedoch gezeigt hat, ist Musik keineswegs die universelle Sprache, die die Unterschiede zwischen verschiedenen religiösen Zugehörigkeiten einfach überbrücken kann. Die Musikpraxis prägt vielmehr religiöse Identität – etwa Taizé-Lieder. Gleichzeitig eröffnet die ästhetische Erfahrung von Musik die Möglichkeit, verschiedene Identitäten einzuschliessen – zumindest zeitweise und spielerisch (vgl. Grüter 2019: 13–18).

Dunkelheit als Brücke

Die Taizé-Lieder beim Fürbittenabend sind christlicher Natur und schöpfen aus biblischen Bildern und Texten. Die Gesänge veranschaulichen die „unhintergehbare Standortgebundenheit“ (Bernhardt 2005: 217) in interreligiösen Kontexten – in der vorliegenden Fallstudie gilt dies allerdings nur für eine Seite der interreligiösen Begegnung. Der Standpunkt der muslimischen Seite bleibt aus.

Interessanterweise wurde die gläubige Haltung der Teilnehmenden nicht durch diese spezifische Standortgebundenheit behindert. Niemand kehrte dem Geschehen den Rücken zu, auch wenn es für den eigenen, nicht-christlichen Glauben, durchaus auch irritierende Momente oder Symbole wie das Kreuz gab. Dass die Kapelle nur schwach beleuchtet war und der warme Kerzenschein die christlichen Symbole im Hintergrund liess, hat möglicherweise Konflikte vermieden. Die ästhetische Erfahrung von Musik und geteilter Dunkelheit kann die kognitive Deutung von Symbolen und Inhalten übersteigen und Menschen für eine offene Haltung gegenüber Angehörigen anderer Religionen empfänglich machen.

Feiern als Praxis in interreligiösen Begegnungen

Feiern und Gebete, die verschiedene Religionen einschliessen, bieten weit mehr Möglichkeiten, als die damit verbundenen Risiken vermuten lassen. Sie sind eine wichtige Ergänzung zu bestehenden interreligiösen Formaten, die bisher häufig von theologischen Debatten geprägt und mit intellektuellen Voraussetzungen verbunden sind, die nicht für alle ansprechend sind.

Eine Feier, bei der verschiedene Religionen präsent sind, gründet sich hingegen auf Erfahrungen und ermöglicht einen ganzheitlicheren Zugang zu interreligiösen Fragen. Sie sprechen eine breitere und vielfältigere Gruppe von Menschen an als Debatten und Dialoge mit starker intellektueller Ausrichtung.

Rituelle Teilhabe ermöglicht tiefes Verstehen

Den Nächsten und den religiös Anderen kennenzulernen ist Ziel und Aufgabe jeder interreligiösen Begegnung. Rituelle Teilhabe und das Teilen einer gemeinsamen spirituellen Reise ermöglichen ein besonders tiefes Verstehen des Anderen. «Viele Menschen empfinden das Inter-Riting als einen wichtigen Aspekt, um den Dialog auf eine tiefere, affektivere und erfahrungsbasierte Ebene zu heben» (Moyaert 2015: 1).

Durch die Erfahrung gemeinsamen Betens können Menschen dem Göttlichen auf neue Weise begegnen. Die eigene religiöse Identität steht dabei nicht auf dem Spiel, sondern wird bereichert.

Grenzen ernst nehmen ohne sich zu verschliessen

Alle Beteiligten müssen eine Balance finden zwischen der Treue zur eigenen Tradition und der Offenheit gegenüber den Traditionen des Anderen. Diese Aushandlung zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem im rituellen Miteinander ist komplex und findet nicht nur auf der Ebene von Leitungen und Leitlinien statt, sondern auch auf individueller Ebene.

Daher lässt sich sagen, dass die Erfahrung gemeinsamen Betens und Feierns die Grenzarbeit der Konvivialität fördert. Sie hilft, eine Form von Konvivialität zu gestalten, die Grenzen ernst nimmt und sich nicht auf eine oberflächliche, harmonisierende Form von Konvivialität beschränkt.

Feiern als Engagement im Kleinen

Die Feiern und Gebete in meiner empirischen Studie zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass keine prominenten Würdenträger:innen oder Politiker:innen im Zentrum stehen. Es sind keine performativen Veranstaltungen. Sie werden nicht von einer lokalen interreligiösen Gruppe organisiert, sondern entstehen aus dem Engagement einer christlichen Gemeinschaft heraus.

Die Menschen nehmen an diesen Ritualen teil, weil sie Fragen der Wirksamkeit nachgehen. Funktioniert das Ritual? Resoniert es in mir? Das sind die Fragen, die darüber entscheiden, ob man teilnimmt oder nicht, nicht konfessionelle Überzeugungen. Diese sogenannte «rituelle Polytropie» ist in asiatischen Kontexten seit Längerem als Graswurzeltrend bekannt (Moyaert 2015: 6). In monotheistisch geprägten Gesellschaften stellt sie noch eine relative Neuheit dar.

Konvivialität wird ausgehandelt, eingeübt und gepflegt.

Es gibt Praktiken des Zusammenlebens, die auf Erleben und Fühlen abzielen, andere auf Denken und Reflexion. Es gibt Praktiken des Alltags, Praktiken, die zwischen Expert:innen stattfinden. So werden interreligiöse Praktiken eingeteilt und systematisiert. Diese Vielfalt und Verschiedenheit von Praktiken sind unbedingt notwendig, wenn Zusammenleben in Vielfalt gelingen soll.

Praktiken im Kleinen, Praktiken, die auf Erleben und Fühlen abzielen, verdienen in Politik und Forschung mehr Aufmerksamkeit.

Füreinander und vor Gott gemeinsam zu beten ermöglicht eine Form von Konvivialität, in der Offenheit und Bereitschaft gegenüber «dem Anderen» unabdingbar sind.

Das gemeinsame Feiern stärkt die Verbindungen innerhalb geteilter Lebensräume und bringt Nähe zum Ausdruck. Verkörperte rituelle Praktiken sind daher eine notwendige Bedingung für interreligiöse Konvivialität.

Was bleibt?

Zusammenleben in religiöser Vielfalt gelingt nicht durch Deklarationen und Strategiepapiere allein. Es gelingt in den kleinen, oft unscheinbaren Momenten. Wenn jemand eine Kerze anzündet, wenn ein Kreuz gemeinsam getragen wird, wenn Dunkelheit und Gesang einen Raum schaffen, in dem alle Platz haben. Diese Momente entstehen nicht zufällig, sie werden gestaltet, eingeübt und gepflegt. Von Menschen, die bereit sind, aufeinander zuzugehen.

Kirchgemeinden sind dafür besonders gut positioniert. Sie sind nah an den Menschen, verwurzelt im Quartier, geübt im Feiern. Und sie vertreten in der Schweizer Religionslandschaft nach wie vor die Mehrheit – eine Position, die nicht selbstverständlich ist und die verpflichtet: den ersten Schritt zu tun.

Nicht ob Kirchgemeinden eine Rolle im interreligiösen Zusammenleben spielen, ist die entscheidende Frage. Das tun sie bereits. Sondern, ob sie diese Rolle bewusst wahrnehmen und gestalten wollen.

Referenzen

Bernhardt, Reinhold (2005): Ende des Dialogs? Die Begegnung der Religionen und ihre theologische Reflexion (= Beiträge zu einer Theologie der Religionen, Vol. 2), Zürich: TVZ Theologischer Verlag.

Grüter, Verena (2019): «Musik in interreligiösen Begegnungen. Religionstheologie und ästhetische Wende», in: Reinhold Bernhardt/Verena Grüter (Eds.), Musik in interreligiösen Begegnungen, Zürich: Theologischer Verlag Zürich, pp. 13-40.

Moyaert, Marianne (2015): «Introduction: Exploring the Phenomenon of Interreligious Ritual Participation», in: Moyaert/Geldhof (Eds.), Ritual Participation and Interreligious Dialogue, pp. 1-16.

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