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Wofür sind wir neutral?

27. August 2026

Die Schweiz stimmt über ihre Neutralität ab. Zumindest suggeriert der Abstimmungskampf eine Entscheidung in dieser Grundsätzlichkeit. Aus christlicher Sicht stellt sich dabei eine andere Frage als die nach möglichst strikter Unparteilichkeit: Was ermöglicht uns die Neutralität – und wem dient sie? 

Wenn die Schweiz zur Redewendung wird

In den USA kann die Schweiz zu einer Redewendung werden. Wenn zwei Freunde streiten und ein Dritter sich weigert, Partei zu ergreifen, kann er sagen: «I’m Switzerland.» Bella Swan tut es im dritten Twilight-Film, als Edward und Jacob wieder einmal aneinandergeraten: «From now on I’m Switzerland, OK?» Im amerikanischen Slang findet sich sogar die Wendung: «I’m pulling a Switzerland on that one.» Gemeint ist jeweils dasselbe: Zählt nicht auf mich. Ich entscheide mich für keine Seite. Ich bleibe draussen. 

Man kann das bewundern. Einer muss ja den kühlen Kopf behalten, wenn alle anderen sich in die Haare geraten. Neutralität kann für Unparteilichkeit stehen, für Selbstbegrenzung, kluge Zurückhaltung und die Fähigkeit, sich nicht von jedem Konflikt vereinnahmen zu lassen. Aber der Satz hat auch einen weniger schmeichelhaften Unterton. «I’m Switzerland» kann ebenso heissen: Involviert mich nicht. Ich will keine Verantwortung übernehmen. Seht selbst, wie ihr zurechtkommt. 

Es macht einen Unterschied, ob Distanz einen neuen Handlungsspielraum eröffnet – oder bloss davor schützt, selbst etwas riskieren zu müssen.

Damit ist erstaunlich viel von der ethischen Ambivalenz der sprichwörtlichen Schweizer Neutralität bereits angedeutet. Es macht einen Unterschied, ob jemand nicht Partei ergreift, um beiden Seiten weiter begegnen zu können – oder weil er den Preis einer Positionierung scheut. Ob Distanz einen neuen Handlungsspielraum eröffnet – oder bloss davor schützt, sich mutig einsetzen zu müssen. 

Für die Schweiz ist diese Frage mehr als eine sprachliche Pointe. Neutralität gehört zu den stärksten politischen Erzählungen dieses Landes. Und am 27. September 2026 stimmen wir darüber ab, wie sie künftig ausgestaltet werden soll. 

Eine ziemlich erfolgreiche Idee 

Es gibt gute Gründe, warum die Schweizerinnen und Schweizer an ihrer Neutralität hängen. Sie hat sich über lange Strecken bewährt. 

Ihre Geschichte ist allerdings weniger geradlinig, als es die nationale Erinnerung bisweilen erzählt. Die Schlacht bei Marignano von 1515 gehört zum historischen Gedächtnis, doch die Vorstellung, dort sei bereits die moderne Schweizer Neutralität geboren worden, ist historisch umstritten. Der entscheidende Einschnitt liegt 1815. Nach den napoleonischen Kriegen erkannten die europäischen Grossmächte die immerwährende Neutralität der Schweiz international an. Das entsprach einem schweizerischen Wunsch – aber zugleich europäischen Interessen. Eine neutrale, stabile Schweiz lag auch im Interesse der Mächte, die nach Jahrzehnten der Revolutionen und Kriege eine neue Ordnung für den Kontinent suchten. 

1848 wurde die Wahrung der Neutralität in die Kompetenzordnung des neuen Bundesstaates aufgenommen; 1907 wurden die Rechte und Pflichten neutraler Staaten im Haager Neutralitätsrecht kodifiziert. Die konkrete schweizerische Neutralitätspraxis blieb dabei beweglich. Die Schweiz trat 1920 dem Völkerbund bei und beteiligte sich zeitweise an dessen Wirtschaftssanktionen, kehrte vor dem Zweiten Weltkrieg zu einer «integralen» Neutralität zurück, übernahm nach dem Ende des Kalten Krieges erneut Sanktionen und trat 2002 den Vereinten Nationen bei. 

Neutralität war nie ein einziger, für alle Zeiten festgelegter Modus. Sie war eine politische Strategie, deren konkrete Ausgestaltung sich veränderte. 

Dass daraus dennoch eine so starke nationale Tradition werden konnte, ist leicht zu verstehen. Die Schweiz ist von den grossen Kriegen des 20. Jahrhunderts verschont geblieben. Sie konnte sich als verlässliche Gastgeberin internationaler Organisationen profilieren. Das internationale Genf, diplomatische Vermittlungen und sogenannte Schutzmachtmandate – bei denen die Schweiz zwischen Staaten ohne direkte diplomatische Beziehungen Kommunikationskanäle offenhält – wurden zu Markenzeichen der Schweizer Aussenpolitik. Neutralität verband sich im kollektiven Bewusstsein mit Frieden und Stabilität, mit staatlicher Kontinuität und wirtschaftlichem Erfolg. Sie passte zudem bemerkenswert gut zu einem Land, das selbst aus verschiedenen Sprachen, Konfessionen und Kulturen besteht und gelernt hat, innere Differenzen nicht durch die Vorherrschaft eines Lagers zu lösen. 

Man sollte diese Erfolgsgeschichte nicht kleinreden. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, was aus ihr für die Gegenwart folgt. 

Wie neutral wollen wir sein?

Eben darum geht es bei der Neutralitätsinitiative: Soll die Schweiz ihre Neutralität weiterhin politisch flexibel ausgestalten – oder ihre Grenzen künftig enger in der Verfassung festschreiben? 

Ihr unmittelbarer politischer Hintergrund ist der russische Grossangriff auf die Ukraine im Februar 2022. Der Bundesrat übernahm kurz darauf weitgehend die Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland. Für die Initianten war damit eine Grenze überschritten: Eine Schweiz, die sich Wirtschaftssanktionen gegen eine Kriegspartei anschliesst, verliere ihre Glaubwürdigkeit als neutraler Staat. 

Die Initiative will deshalb die Neutralität ausführlicher und verbindlicher in der Bundesverfassung festschreiben. Die Schweiz soll ausdrücklich «immerwährend und bewaffnet» neutral sein, keinem Militär- oder Verteidigungsbündnis beitreten und nur im Fall eines direkten Angriffs oder dessen Vorbereitung mit einem solchen Bündnis zusammenarbeiten dürfen. Vor allem aber soll sie grundsätzlich keine «nichtmilitärischen Zwangsmassnahmen» gegen kriegführende Staaten verhängen. Ausgenommen wären Verpflichtungen gegenüber der UNO sowie Massnahmen, mit denen die Umgehung fremder Sanktionen verhindert wird. Gleichzeitig verpflichtet der vorgeschlagene Verfassungsartikel die Schweiz ausdrücklich dazu, ihre Neutralität für die Verhinderung und Lösung von Konflikten zu nutzen und sich als Vermittlerin zur Verfügung zu stellen. 

Es wäre deshalb unfair, den Initianten einfach Isolationismus zu unterstellen. Ihr eigener Verfassungstext verbindet Neutralität ausdrücklich mit Friedensvermittlung. Die entscheidende Differenz liegt anderswo: Die Initiative bindet die Hände künftiger Bundesräte und Parlamente stärker. Sie möchte nicht bloss garantieren, dass die Schweiz neutral bleibt, sondern legt enger fest, wie Neutralität politisch auszusehen hat. 

Zur Abstimmung steht in Wahrheit nicht grundsätzlich die Neutralität der Schweiz, sondern wie viel politischen Handlungsspielraum sie innerhalb ihrer Neutralität behalten soll. 

Wie tiefgreifend sich die sicherheitspolitische Lage verändert hat, zeigt ein Blick nach Norden. Finnland und Schweden hatten über Jahrzehnte auf militärische Bündnisfreiheit gesetzt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine kamen beide Demokratien zum Schluss, dass diese Strategie unter den neuen Bedingungen nicht mehr genügend Sicherheit bot. Finnland trat am 4. April 2023 der NATO bei, Schweden am 7. März 2024. 

Das ist kein Argument dafür, dass die Schweiz ihnen folgen müsste. Unsere Geschichte, unsere Lage und unsere politische Kultur unterscheiden sich. Aber Finnland und Schweden erinnern an etwas, das in der Schweizer Diskussion leicht verlorengeht: Neutralität ist kein überzeitliches moralisches Prinzip. Sie ist eine politische und sicherheitspolitische Antwort auf bestimmte historische Bedingungen. Wenn sich diese Bedingungen ändern, muss zumindest die Frage erlaubt sein, wie Neutralität unter den neuen Umständen ihren Zweck am besten erfüllt. 

Und damit bin ich bei einem Satz, der mich an der Kampagne für die Initiative zugleich anzieht und irritiert. 

«Kein Krieg»

Die Befürworter haben ihre Kampagne auf zwei Worte zugespitzt: «Kein Krieg.» Diese Worte wecken meine spontane Zustimmung, ja sie berühren in mir eine tiefe Überzeugung und Sehnsucht. 

Als Theologe habe ich ausgeprägte pazifistische Sympathien. Besonders die linksreformatorischen und täuferischen Traditionen haben mich immer fasziniert: ihre Weigerung, Gewalt vorschnell als unvermeidliches Mittel der Politik hinzunehmen; ihre Erinnerung daran, dass Jesus nicht die Sieger, sondern die Friedensstifter seligpreist; ihre beunruhigende Frage, ob Christen glaubwürdig vom Frieden Gottes reden können, während sie gleichzeitig immer neue Gründe finden, warum im konkreten Fall nun leider doch geschossen werden muss. 

«Kein Krieg» ist ein Satz, den ich aus tiefer Überzeugung unterschreiben möchte. 

Nur: Was folgt daraus? 

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat der Pazifismus einen schweren Stand. Ihm wird vorgeworfen, seine moralische Reinheit auf Kosten derjenigen zu bewahren, die tatsächlich angegriffen werden. Der Ausdruck «Sofa-Pazifismus» bringt den Verdacht auf die polemische Formel: Aus sicherer Entfernung lässt es sich leicht fordern, andere sollten auf bewaffnete Verteidigung verzichten. 

Diese Kritik trifft einen empfindlichen Punkt. Ich habe wenige Wochen nach Beginn des Ukrainekriegs in einem Text über den «Preis des Friedens» versucht zu beschreiben, warum ich dennoch an der Möglichkeit gewaltfreien Widerstands festhalte. Entscheidend ist für mich bis heute: Pazifismus kann nicht bedeuten, anderen das Opfer aufzuerlegen, das man selbst nicht zu tragen bereit ist. Gewaltfreiheit ist ethisch nur überzeugend, wenn sie den eigenen Einsatz erhöht statt vermindert. Wer nicht schiessen will, darf daraus kein Recht ableiten, danebenstehen zu dürfen. Die spannendsten Traditionen christlicher Gewaltfreiheit suchen gerade nach jener dritten Möglichkeit zwischen Töten und Zuschauen: dazwischengehen, schützen, stören, vermitteln, Öffentlichkeit herstellen, den Preis des Konflikts mittragen. 

Hier berühren sich Pazifismus und Neutralität auf eigentümliche Weise. Beide können den Rückzug adeln. Beide können aber ebenso eine anspruchsvolle Form aktiver Friedensarbeit bezeichnen. 

Deshalb genügt mir «Kein Krieg» als Losung noch nicht. Mich interessiert der zweite Satz, der daraus folgen müsste: Was tut ein Land, das sich aus militärischen Konflikten heraushält, stattdessen? 

Das Privileg der Neutralität

Vielleicht hilft es, zunächst etwas Unbequemes auszusprechen: Die Schweizer Neutralität ist nicht zuerst eine historische Leistung. Sie ist vor allem ein Privileg. 

Dafür muss man bloss auf die Landkarte schauen. Die Schweiz liegt heute mitten in einem der stabilsten und wohlhabendsten Räume der Welt. Frankreich, Deutschland und Italien sind NATO-Mitglieder. Die Schweiz gehört dem Bündnis nicht an, lebt aber in einer europäischen Sicherheitsordnung, die von ihm wesentlich mitgetragen wird. Das Eidgenössische Departement für Verteidigung formulierte diesen Zusammenhang 2023 bemerkenswert ungeschminkt: Dank ihrer geografischen Lage profitiere die Schweiz von ihrem stabilen Umfeld und indirekt vom Schutz der NATO – ohne eigenes Zutun zu diesem Schutz. 

Das ist keine moralische Anklage. Es ist schlicht eine geopolitische Tatsache. Für das heute relevante Szenario eines konventionellen militärischen Angriffs aus dem europäischen Osten liegt die Schweiz nicht an der Front. Ein Angreifer müsste zuerst die Sicherheitsordnung und in aller Regel Territorien von Staaten überwinden, die in Bündnissen organisiert sind und erhebliche militärische Mittel zu ihrer Verteidigung bereitstellen. Die Abschreckung, von der auch wir profitieren, wird also zu einem beträchtlichen Teil von anderen garantiert. 

Die Schweiz sich ihre Neutralität auch deshalb leisten, weil andere nicht neutral sind. 

Das gelegentlich erhobene Free-Rider-Argument hat hier einen realen Kern. Aber «Trittbrettfahrerin» wäre mir als Gesamturteil zu billig. Die Schweiz investiert selbst in ihre Verteidigung, kooperiert sicherheitspolitisch mit Partnern und leistet auf anderen Feldern beträchtliche internationale Beiträge. Und vor allem lässt sich die gegenwärtige Situation nicht einfach rückwärts auf den Zweiten Weltkrieg projizieren. 

Damals war die Schweiz zeitweise nahezu vollständig von den Achsenmächten umschlossen. Dass sie nicht besetzt wurde, hatte viele Gründe: die Mobilisierung der Armee und die Kosten, die ein Angriff verursacht hätte; die Réduitstrategie; wirtschaftliche und strategische Interessen der Kriegführenden; schweizerische Konzessionen unter erheblichem Druck; der Verlauf des Krieges – und historisches Glück. Der Bericht der Unabhängigen Expertenkommission zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg hielt ausdrücklich fest, die Neutralität habe im damaligen schweizerischen Kalkül zwar eine zentrale Rolle gespielt; zugleich sei das Land «vorab dank dem entschlossenen Kampf der Alliierten und einem günstigen Schicksal» verschont geblieben. 

Gerade dieser letzte Punkt scheint mir wichtig. Auch historisch war Neutralität nie eine magische Schutzformel. Die Alpen waren nicht unser Verdienst. Die geopolitische Lage war es nicht. Dass die europäischen Grossmächte 1815 eine stabile neutrale Schweiz in ihrem eigenen Interesse sahen, war es ebenso wenig. Auch die Entwicklung einer internationalen Rechtsordnung, die Kleinstaaten schützt, die jahrzehntelange Stabilisierung Westeuropas nach 1945 und der militärische Schutzraum, in dessen Mitte wir heute leben, sind Errungenschaften, zu denen die Schweiz beigetragen hat – aber die sie keineswegs allein hervorgebracht hat. 

Darum würde ich ein verbreitetes nationales Narrativ gerne umdrehen: 

Die Schweiz ist nicht einfach sicher, weil sie neutral ist. Sie kann sich ihre Neutralität auch deshalb leisten, weil sie sich unter aussergewöhnlich günstigen Bedingungen sicher fühlen kann. 

Mehr Grund zur Dankbarkeit als zum Stolz

Diese Einsicht schmälert den Wert der Neutralität nicht. Aber es relativiert die Vorstellung, sie sei vor allem eine schweizerische Errungenschaft – das Ergebnis besonderer politischer Klugheit, Konsequenz oder Weitsicht. Wer genauer hinsieht, entdeckt neben dem, was die Schweiz selbst geleistet hat, vieles, das sie schlicht vorgefunden hat: Umstände, von denen sie profitiert, ohne sie selbst geschaffen zu haben. 

Das ändert auch die Haltung, mit der wir über unsere Neutralität sprechen. Wo das eigene Wohlergehen wesentlich auf Voraussetzungen beruht, die man nicht selbst hervorgebracht hat, besteht wenig Grund für Selbstgefälligkeit und gegenseitiges Schulterklopfen. 

Das erste und angemessenste Gefühl, das Schweizer beim Gedanke an ihre Neutralität erfüllen sollte, ist nicht Stolz, sondern Dankbarkeit. 

Stolz hat mit Leistung zu tun. Wir sind stolz auf etwas, das wir erreicht, erarbeitet, verteidigt oder geschaffen haben. Dankbarkeit beginnt an einem anderen Ort. Sie antwortet auf etwas, das uns zufällt, das wir empfangen, das wir nicht vollständig kontrollieren und nicht einfach verdient haben. 

Für eine christliche politische Ethik ist diese Unterscheidung nicht belanglos. Dankbarkeit bedeutet nicht, das Empfangene gerührt zu bestaunen und ansonsten weiterzumachen wie bisher. Sie verändert die Frage: Aus «Was haben wir uns verdient?» wird «Was machen wir mit dem, was uns gegeben ist?» 

Das Jesuswort aus dem Lukasevangelium ist in dieser Hinsicht ein anspruchsvoller hermeneutischer Schlüssel: «Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen.» Oder, in popkultureller Übersetzung des berühmten Leitsatzes von Spiderman: «With great power comes great responsibility.» Was für Superkräfte gilt, lässt sich auch auf geopolitische Sonderlagen übertragen: Besondere Handlungsmöglichkeiten begründen besondere Verantwortung.  

Diese Logik ist unbequem. Privilegien begründen keinen höheren moralischen Rang. Sie stellen uns eine Aufgabe.  

Wenn unsere geografische Lage sicherer ist als diejenige der Ukraine, Georgiens oder Moldaus, wenn unser Staatsgebiet seit Generationen vom Krieg verschont blieb, wenn unser Wohlstand und unsere Stabilität uns diplomatische Ressourcen eröffnen, die viele andere Länder nicht besitzen, dann wäre die christlich interessante Frage nicht: Wie bewahren wir dieses Glück möglichst unversehrt?, sondern vielmehr: Was können wir gerade deshalb für andere tun? 

Distanz, die etwas ermöglicht

Damit kommt die stärkste Seite der Schweizer Neutralität in den Blick. Die Schweiz vertritt seit 1980 die Interessen der USA im Iran. Wo Washington und Teheran keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, hält ein Schweizer Schutzmachtmandat einen minimalen Kommunikationskanal offen. Im Jahr 2009 übernahm die Schweiz gegenseitige Schutzmachtmandate zwischen Russland und Georgien. Solche Mandate lösen Konflikte nicht einfach. Aber sie bewahren Verbindungen dort, wo direkte Beziehungen abgerissen sind. 

Dazu kommen Mediation und Prozessbegleitung. Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Friedensverhandlungen begleitet. In Mosambik half sie nach dem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs bei einem Prozess, der 2019 in ein Friedensabkommen mündete. Sie unterstützt Verhandlungen mit Expertise zu Waffenstillständen, Machtteilung, Prozessgestaltung und Vergangenheitsarbeit. Und Genf bietet eine Infrastruktur, die kaum ein anderer Ort in dieser Dichte besitzt: UNO, IKRK, diplomatische Vertretungen, internationale Organisationen, Fachleute und NGOs. 

Man sollte allerdings auch hier keinen Mythos schaffen. Neutralität ist weder notwendige noch hinreichende Bedingung für erfolgreiche Vermittlung. Auch nichtneutrale Staaten vermitteln. Entscheidend sind ebenso Diskretion, Fachwissen, Verlässlichkeit, Kontakte, Ressourcen und das Vertrauen der Konfliktparteien. Die Schweiz besitzt kein Monopol auf Frieden. Aber sie besitzt besondere Handlungsmöglichkeiten: 

Nicht: Wir sind neutral, damit wir uns heraushalten können. Sondern: Wir halten eine besondere Distanz, damit wir dort handeln können, wo Konfliktparteien und Bündnisse es nicht mehr können. 

Die durch Neutralität gewährleistete Distanz ist dann kein Selbstzweck, sondern eine Ressource. 

Das bedeutet auch: Neutralität verlangt keine moralische Indifferenz. Das Neutralitätsrecht verpflichtet einen Staat zu bestimmten Verhaltensweisen gegenüber Kriegsparteien; es verbietet ihm nicht, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Die Schweiz darf einen Bruch des Völkerrechts benennen, Menschenrechtsverletzungen verurteilen und einen Aggressor als Aggressor bezeichnen. Schon die offizielle schweizerische Neutralitätsdoktrin kennt keine Pflicht zur «Gesinnungsneutralität». Auch wirtschaftliche Sanktionen sind nach geltender schweizerischer Auffassung nicht grundsätzlich mit dem Neutralitätsrecht unvereinbar. 

Das ist ein entscheidender Unterschied. Wer zwischen einem Angreifer und einem Angegriffenen moralisch unterscheidet, ist deshalb noch keine Kriegspartei. 

Und wer beide Seiten weiterhin an einen Tisch bringen will, muss nicht so tun, als gäbe es zwischen ihnen keinen Unterschied. 

Frieden stiften statt friedlich zuschauen

An diesem Punkt berührt sich die politische Frage der Neutralität mit einer alten theologischen Frage. Die Bergpredigt Jesu gehört zu den Texten, anhand derer Christen seit Jahrhunderten darüber streiten, wie weit die Gewaltlosigkeit des Evangeliums politisch trägt. Ich halte wenig davon, aus einzelnen Jesusworten ein fertiges aussenpolitisches Programm abzuleiten. Die Weltpolitik lässt sich nicht mit Bibelversen regieren. 

Aber die jesuanische Friedensethik enthält eine Provokation, die auch politische Vernunft immer wieder gebrauchen kann. Sie weigert sich, unsere Handlungsmöglichkeiten auf zwei Alternativen zu reduzieren: zurückschlagen oder sich ergeben. Gewalt anwenden oder nichts tun. Dominieren oder sich zurückziehen. 

Gerade die täuferische und gewaltfreie christliche Tradition hat daraus immer wieder die Suche nach einem «dritten Weg» entwickelt. Nicht im Sinn einer bequemen Mitte zwischen Täter und Opfer. Wenn ein Staat einen anderen überfällt, gibt es keinen ethischen Grund, zwischen Angreifer und Angegriffenem künstliche Äquidistanz herzustellen.  

Der dritte Weg bezeichnet vielmehr eine andere Form des Handelns: Widerstand, ohne die Logik des Gegners zu übernehmen; Intervention, ohne selbst Gewalt auszuüben; Parteinahme für bedrohte Menschen, ohne jeden Konflikt in die Alternative Sieg oder Niederlage zu pressen. 

Das ist anspruchsvoller als Positionslosigkeit. 

«Selig sind, die Frieden stiften», heisst es in der Bergpredigt. Das Verb ist entscheidend. Friedensstifter sind keine friedlichen Zuschauer. Sie schaffen Räume, in denen wieder gesprochen werden kann. Sie unterbrechen Eskalationen. Sie stellen sich zwischen Fronten. Sie schützen Menschen, dokumentieren Verbrechen, begleiten Gefangenenaustausch, ermöglichen humanitären Zugang, bauen Beziehungen auf, die später vielleicht einen Waffenstillstand tragen können. 

Wer Gewaltlosigkeit ernst nimmt, muss mehr tun, nicht weniger. 

Dasselbe müsste für eine ethisch verantwortete Neutralität gelten. 

Eine christlich verantwortete Neutralität wäre nicht die Kunst, unberührt zu bleiben, sondern die Kunst, sich auf andere Weise berühren und in Anspruch nehmen zu lassen. 

Darin liegt vielleicht tatsächlich eine aus der einzigartigen Ausgangslage erwachsende schweizerische Berufung. Nicht im grossen, pathetischen Sinn einer Nation mit besonderem moralischem Auftrag. Dafür bietet auch unsere Geschichte zu viele Gründe zur Bescheidenheit. Sondern im nüchternen Sinn einer politischen Möglichkeit: Wir verfügen über etwas, das in einer polarisierten Welt selten ist. Zugang zu unterschiedlichen Seiten. Institutionelles Vertrauen. Einen international akzeptierten Ort für Verhandlungen. Ressourcen. Diskretion. Erfahrung. Ein dichtes Netz internationaler Organisationen. Die Freiheit, bestimmte militärische Lagerbindungen nicht einzugehen. 

Die Frage ist, was wir daraus machen. 

Wenn Neutralität zur Reinheitsfantasie wird

Denn Neutralität hat auch ihre Versuchungen. Sie kann zur moralischen Reinheitsfantasie werden: Wir halten uns aus den schmutzigen Konflikten der anderen heraus und können deshalb mit saubereren Händen auf sie hinunterblicken. Sie kann ökonomisch bequem werden: möglichst gute Geschäfte mit allen Seiten, solange wir uns politisch nicht zu deutlich festlegen. Sie kann zur rhetorischen Immunisierung dienen: Sobald eine Entscheidung etwas kostet oder eine Seite verärgert, erklärt man sie zum Verstoss gegen die Neutralität. 

Die Schweizer Geschichte kennt genügend Gründe, solchen Selbstbildern zu misstrauen. Auch während des Zweiten Weltkriegs bedeutete die formale Neutralität nicht moralische Unschuld. Die Schweiz musste unter massivem Druck wirtschaftliche Konzessionen machen; zugleich sind insbesondere ihre Flüchtlingspolitik und Teile ihrer wirtschaftlichen Beziehungen zu den Achsenmächten später zu Recht kritisch aufgearbeitet worden. Gerade daran zeigt sich, wie wenig sich die moralischen Fragen jener Jahre auf die einfache Alternative «neutral» oder «nicht neutral» reduzieren lassen. 

Neutralität erlöst uns nicht von Verantwortung. Auch Nicht-Handeln hat Wirkungen. 

Das gehört zum Grundbestand christlicher Ethik. Schuld entsteht nicht nur dadurch, dass wir Böses tun. Sie kann auch dort entstehen, wo wir das Gute, das uns möglich wäre, unterlassen. Der Jakobusbrief formuliert diesen Gedanken scharf: Wer weiss, was gut wäre, und es nicht tut, macht sich schuldig. 

Das ist keine einfache Antwort auf die Frage nach Sanktionen. Sanktionen können unwirksam sein, Zivilbevölkerungen treffen und unerwünschte politische Folgen erzeugen. Jede einzelne Massnahme muss nach Wirkung, Verhältnismässigkeit und humanitären Folgen beurteilt werden. Aber die ethische Alternative lautet eben nicht: handeln und sich schuldig machen – oder neutral bleiben und damit aus der Verantwortung verschwinden. 

Auch das Unterlassen einer Sanktion wirkt. Auch die Fortsetzung wirtschaftlicher Beziehungen wirkt. Auch Schweigen wirkt. Auch Distanz kann dem Stärkeren nützen. Neutralität erlöst uns nicht von der Verantwortung, diese Wirkungen abzuwägen. 

Wofür brauchen wir unsere Neutralität? 

Um zur aktuellen Abstimmung zurückzukommen: Ich verstehe, was an der Neutralitätsinitiative attraktiv ist. In einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen verspricht sie Klarheit. Sie will verhindern, dass die Schweiz schleichend in Bündnislogiken hineingezogen wird. Sie erinnert daran, dass Neutralität ihre Glaubwürdigkeit verliert, wenn sie beliebig ausgelegt wird. Und sie schreibt ausdrücklich fest, dass die Schweiz ihre Sonderstellung zur Verhütung und Lösung von Konflikten nutzen soll. Diese Anliegen verdienen eine ernsthafte Diskussion. 

Aus der hier entwickelten Perspektive überzeugt mich die Initiative dennoch nicht. 

Denn sie macht aus einer historisch beweglichen Strategie stärker eine verfassungsrechtlich fixierte Doktrin. Besonders das weitgehende Verbot eigenständiger Sanktionen gegen kriegführende Staaten nimmt der Schweiz ein nichtmilitärisches Instrument, mit dem sie auf schwere Verletzungen der internationalen Ordnung reagieren kann. Die enge Begrenzung der Zusammenarbeit mit Militär- und Verteidigungsbündnissen reduziert zugleich sicherheitspolitischen Handlungsspielraum.  

Man kann diese Einschränkungen wünschen. Aber man sollte sie nicht mit der Neutralität selbst verwechseln. Die Schweiz bleibt auch bei einer Ablehnung der Initiative neutral. Zur Abstimmung steht, welche politischen Möglichkeiten sie innerhalb dieser Neutralität behalten soll. 

Die entscheidende Frage ist nicht, wie möglichst rein und unangreifbar neutral die Schweiz sein kann. Entscheidend ist, wofür sie ihre Neutralität einsetzen will. 

Aus christlich-ethischer Sicht erscheint mir deshalb eine andere Prüffrage entscheidend als diejenige nach der möglichst lückenlosen Reinheit unserer Neutralität: Welche Ausgestaltung befähigt die Schweiz am besten, Frieden zu fördern, das Völkerrecht zu stärken, bedrohten Menschen beizustehen und Gesprächsmöglichkeiten offenzuhalten? 

Das kann in einer Situation Zurückhaltung verlangen, in einer anderen eine klare Verurteilung, in einer dritten Sanktionen und in einer vierten gerade den Verzicht auf sie. Es kann bedeuten, mit Staaten zu sprechen, mit denen andere nicht mehr sprechen. Oder politische Kosten auf sich zu nehmen, um eine Rechtsordnung zu verteidigen, von der wir selbst in aussergewöhnlichem Mass profitieren. 

Vielleicht ist gerade dies die Verantwortung eines privilegiert neutralen Landes: sich nicht vorschnell auf eine einzige Form der Neutralität festzulegen, sondern jene Freiheit zu bewahren, die es braucht, um in wechselnden Konflikten tatsächlich dem Frieden zu dienen. 

Dann bekommt auch die Parole «Kein Krieg» einen anspruchsvolleren Sinn. 

«Kein Krieg» genügt nicht, wenn damit vor allem gemeint ist: kein Krieg für uns. 

Ein christlich verantwortetes Friedensprogramm müsste weitergehen: Weil wir in einer aussergewöhnlich sicheren Lage leben, weil uns Möglichkeiten gegeben sind, die andere nicht besitzen, setzen wir sie dafür ein, dass auch für andere Krieg weniger wahrscheinlich und Frieden wieder vorstellbar wird. 

Neutralität wäre dann kein Schutzwall, hinter dem sich die Schweiz von den Konflikten der Welt abschirmt. Sie wäre ein Freiraum, den sie gerade deshalb offenhält, um in diesen Konflikten anders handeln zu können. 

Die entscheidende Frage ist darum nicht, wie unberührbar neutral die Schweiz sein kann. Sondern wofür sie ihre Neutralität braucht. 

Hinweis: Der Rat der EKS hat auch eine offizielle Stellungnahme zur Neutralitätsinitiative verfasst  Zur Stellungnahme. 

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