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Zusammenleben im Zeitalter der Migration

13. Mai 2026

Konvivialität in Bewegung

Migration, Nachbarschaft und religiöse Gemeinschaften stellen dieselbe Grundfrage: Wie können Menschen zusammenleben, die sich als verschieden, fremd und doch miteinander verbunden erfahren? Konvivialität hilft, diese Frage nicht abstrakt zu stellen, sondern an konkreten Orten: an Grenzen, in Quartieren, in Gemeinden – überall dort, wo Zugehörigkeit ausgehandelt wird.

Wir können verschiedene Ebenen beschreiben, in denen die Frage nach dem Zusammenleben besonders dringlich wird. Menschen begegnen einander mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten. Sie nehmen sich in ihrer Differenz, Fremdheit und Verbundenheit wahr. Das geschieht in der globalen Migration, im alltäglichen Zusammenleben in Nachbarschaften und in religiösen Gemeinschaften, die zugleich lokal verankert und global verbunden sind. Diese Ebenen sind oft miteinander verwoben. Sie wirken aufeinander ein.

Migration als Frage des Zusammenlebens

Menschen setzen sich in Bewegung. Sie fliehen aus Situationen, die lebensbedrohlich oder unerträglich geworden sind. Die Gründe dafür sind vielfältig: Armut, Kriege, klimatische Veränderungen und politische Verfolgung. Die meisten von ihnen sind Binnenflüchtlinge. Sie verlassen ihr Zuhause, bleiben aber im eigenen Land oder in der Region. Zurzeit zeigt sich das etwa im Libanon: Hunderttausende Menschen mussten wegen der Kriegshandlungen ihr Zuhause verlassen. Auch an der Nordgrenze Israels mussten Menschen ihre Dörfer verlassen.

Manchmal begeben sich Menschen auf eine grosse Reise nach Europa, weil sie für sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft erhoffen. Weltweit betrachtet sind sie eine kleine Minderheit. Europa wird zum Sehnsuchtsort: ein Kontinent, der in ihren Träumen mehr Sicherheit, Arbeit, Freiheit und Wohlstand verspricht. Viele gehen wieder zurück, viele wollen bleiben. Viele schaffen die Passage nicht. Sie sterben. Das Mittelmeer ist in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem Massengrab geworden.

Wie wollen wir zusammenleben angesichts globaler Mobilität?

Hier stellt sich die Frage der Konvivialität mit besonderer Dringlichkeit: Für die EU, aber auch für Länder wie die Schweiz, wird Migration als grosse sozialpolitische und kulturelle Herausforderung erlebt. Eigentlich müssten Fragen von Regulierung, Integration und Inklusion die politische Agenda bestimmen. Auch der demografische Wandel, der Arbeitskräftemangel und Diversität als Ressource gesellschaftlicher Entwicklung müssten einbezogen werden. Ebenso braucht es eine realistische Einschätzung der finanziellen und sozialen Ressourcen.

Eine konstruktive, menschenrechtsbasierte Einwanderungspolitik zu entwickeln, ist eine komplexe Aufgabe. Derzeit reagieren viele Staaten auf diese Herausforderung jedoch vor allem mit Schliessungs- und Abschottungspolitiken. «Border Security» heisst das Zauberwort. Die Aussengrenzen Europas und der USA erscheinen dann als bedrohtes Gut, das geschützt werden muss. Menschen, die zu uns kommen, werden in dieser Logik selbst zur Bedrohung.

Die Europäische Union, die Schweiz und in besonders harscher Weise die USA haben Abschottungspläne und -politiken entwickelt und umgesetzt. Diese sind häufig mit gewaltvollen Vorstellungen von Homogenität aufgeladen. In den politischen Diskursen, die daraus entstehen, zeigen sich die Schattenseiten der Konvivialitätsdiskurse. Das «Wir» wird plötzlich nationalistisch oder fundamentalistisch profiliert. Gemeinschaft erscheint als Reinheitsfantasie. Dann werden Menschen wieder zu Migrantinnen und Migranten, zu Fremden, zu Geduldeten, zu Verfolgten und Ausgeschlossenen, obwohl sie seit vielen Jahren in der Schweiz oder in den USA leben.

Ein Wir, das sich über Reinheit definiert, produziert immer neue Fremde.

Wo Vielfalt Alltag ist

Diese Diskurse entfalten ihre Deutungsmacht in postmigrantischen Kontexten. Migration ist dort längst ein prägender Faktor des gesellschaftlichen Zusammenlebens geworden: in Kindergärten, Schulen und Universitäten, im öffentlichen Leben, in Nachbarschaften, auf Strassen und Spielplätzen, in Spitälern und Pflegeeinrichtungen, in Fussballvereinen und politischen Parteien.

Postmigrantische Gesellschaft beginnt nicht an der Grenze, sondern im Alltag.

Debatten über Homogenität sind deshalb besonders toxisch. Sie richten sich nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen. Sie betreffen das alltägliche Zusammenleben an genau jenen Orten, an denen Konvivialität bereits gelebt wird – wenn auch nicht immer reibungslos.

Hier zeigt sich eine weitere Ebene der Konvivialität: Wie leben wir an Orten zusammen, die unseren Alltag prägen? Diese Orte haben unterschiedliche Intensitäten, Rhythmen, Distanzen und Nähen. Das Zusammenleben folgt ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln. Sie zeigen sich in Höflichkeit, Aufmerksamkeit und Respekt.

Daneben gibt es eine sozialpolitische Dimension. Sie zeigt sich vor Ort im Umgang mit sozialen Ungleichheiten: beim Zugang zu ökonomischen Ressourcen, zu Bildung und zur Gesundheitsversorgung. Praktiken der Konvivialität haben unterschiedliche Qualitäten, die ineinandergreifen.

Respekt oder Respektlosigkeit werden nicht nur im persönlichen Umgang sichtbar. Sie werden auch in Institutionen gelebt, in denen Ressourcen verteilt werden.

Gemeinden als Orte gelebter Vielfalt

Als dritte Ebene können wir religiöse Gemeinschaften in den Blick nehmen. Welche Rolle spielt Diversität an diesen Orten? Es geht darum, wie verschiedene Formen von Diversität in religiösen Vergemeinschaftungsprozessen thematisiert werden – und wie sie in Begegnungen überhaupt erst entstehen.

Besonders interessant ist der Umgang mit erlebter Differenz und sozialer Ungleichheit im Horizont einer vorgestellten religiösen Gleichheit oder Gleichwertigkeit. Dazu gehört auch die strukturelle Frage: Welche Organisationsformen braucht es, damit Machtverteilung und Asymmetrien offen verhandelt werden können?

Wo Gleichwertigkeit geglaubt wird, müssen Machtfragen erst recht gestellt werden.

Wer sich für Konvivialität interessiert, wird auch dem Durcheinander Aufmerksamkeit schenken. Ebenso dem Beglückenden und dem Abgründigen, das in Begegnungen aufscheint, wenn Fremdheit im Austausch erfahrbar wird.

An diesem dritten Ort stellt sich auch eine weitere Frage: Welche religiösen Vorstellungen fördern das affektive Bewusstsein für Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit? Und welche Rolle spielt dabei die Arbeit an Unterscheidungen und Grenzen? «Belonging» ist nicht nur inhaltlich oder dogmatisch bestimmt. Zugehörigkeit hat auch eine affektive Seite. Sie kann in gemeinsam gefeierten Ritualen erlebt werden, aber auch in informellen Begegnungen.

Zwischen Grenzsprengung und Homogenisierung

Im Rahmen christlicher Lehren und Lebenspraxis zeigt sich hier eine anregende Spannung. Wie wird ein existentielles Wissen um Zusammengehörigkeit, gegenseitige Abhängigkeit und Verbundenheit zum Ausdruck gebracht? Diese Frage stellt sich besonders in diversen christlichen Gemeinden. Dort nehmen sich Menschen möglicherweise als sehr unterschiedlich oder sogar als fremd wahr.

Schon die frühen jesuanischen Nachfolgegemeinschaften mussten Konflikte bewältigen.

Diese Konflikte entstanden durch soziale und religiöse Unterschiede und durch die Wahrnehmung von Andersartigkeit. Gleichzeitig suchten diese Gemeinschaften nach sozialen Formen des Zusammenlebens.

Einerseits sprechen biblische Texte von der Einheit oder vom Einssein in Christus innerhalb einer vielfältigen Gemeinschaft (Gal 3,28; Kol 3,11; Eph 4,4–7). Diese Einheit stellt soziale Grenzen infrage oder überschreitet sie: Grenzen von Geschlechtszugehörigkeit, ethnischen, nationalen oder religiösen Vorstellungen. Zugleich spiegeln viele Passagen in den Paulusbriefen die komplexe Dynamik kultureller und religiöser Grenzarbeit. Paulus erscheint darin als Vermittler zwischen unterschiedlichen kulturellen und religiösen Konzepten, Praktiken und Wahrnehmungen.

Diese Vision des Miteinanders reduziert Gemeinschaft nicht auf Gleichheit. Sie respektiert Unterschiede. Zugleich nimmt sie die Konflikte ernst, die Gemeinschaften prägen.

Andererseits zeigt die Geschichte des Christentums, dass dieses Streben nach Zusammengehörigkeit in Vielfalt immer wieder von homogenisierenden Entwicklungen überlagert wurde – sozial, politisch und konfessionell.

Auch die Geschichte des Protestantismus ist an vielen Orten der Welt von dieser Spannung geprägt. Einerseits wird die grenzüberschreitende Kraft des Evangeliums gepredigt und geglaubt. Andererseits neigen gerade protestantische Kirchen oft dazu, sich in kulturell und religiös homogenen Gruppen zu vergemeinschaften. In evangelischen Gemeinden versammeln sich häufig Menschen aus ähnlichen Milieus. Sie teilen eine ähnliche Weltsicht und Theologie, eine ähnliche Religiosität und ähnliche ästhetische Vorlieben, etwa in der Musik.

Hinschauen

Umso interessanter ist es, christliche Gemeinden und Gemeinschaften kennenzulernen, die einen anderen Weg gehen.

In ihnen machen sich Menschen aus verschiedenen Nationen, Herkünften sowie religiösen und kulturellen Orientierungen gemeinsam auf den Weg. Sie leben die Katholizität des Christentums vor Ort. Es geht um Gemeinden, die im Kontext von Abschottungspolitiken eine inklusive und diverse Konvivialität einüben.

Diese Gemeinden wollen nicht einfach als Best-Practice-Beispiele dienen. Sie reflektieren realistisch die Krisen und Infragestellungen, mit denen sie konfrontiert sind. Ein wichtiges Beispiel ist die Auseinandersetzung mit kircheninternem Rassismus. Er wirkt strukturell und auch in persönlichen Begegnungen – oft gegen jede ausdrückliche Intention.

Solche Gemeinden experimentieren seit vielen Jahren mit interkulturellen Leitungsmodellen. Die Diversität der Leitungsteams ist dabei ein zentraler Faktor. Auf programmatischer Ebene haben sie ein bewusstes Interesse an interkultureller Gemeinschaft und Begegnung. Sie verstehen dies als transversales Thema. Es durchdringt wesentliche Bereiche christlicher Existenz und theologischer Reflexion. Zugleich berührt es das eigene christliche Selbstverständnis. Hier werden auch Meinungsverschiedenheiten verhandelt: vom Kirchen- und Leitungsverständnis über Gottesbilder bis hin zur Sexualmoral.

In den folgenden Blogbeiträgen möchten wir Einblicke in solche Gemeinden geben. Dabei werden wir szenisch relevante Themen des Zusammenlebens vorstellen.

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