Perspektiven aus der Beratungspraxis
Referat von Susanne Schaaf lic.phil. Psychologin, Fachstelle infoSekta, anlässlich der Tagung «Grenzen des Heiligen – Spiritueller Missbrauch und die Verantwortung religiöser Autorität» am 8. September 2025 in Zürich.
Spiritueller Missbrauch kann als schädliche Manipulation von Personen in religiös-spirituell geprägten Beziehungen verstanden werden. Täter:innen nutzen ihre besondere Position aus und instrumentalisieren den Bezugs auf eine «höhere» Macht für eigene Interessen. Die Folgen von spirituellem Missbrauch für die Betroffenen dürfen nicht unterschätzt werden.
Wie erleben Betroffene spirituellen Missbrauch – und wie kann Beratung darauf reagieren? Welche Herausforderungen ergeben sich in Begleitung und Beratung und wo können problematische Dynamiken entstehen?
1. Folgen von spirituellem Missbrauch für die Betroffenen
Die Erfahrungen der Betroffenen sind individuell verschieden und variieren je nach Gruppe und deren weltanschaulicher Ausrichtung, Funktion innerhalb der Gemeinschaft und Dauer der Mitgliedschaft], nach persönlicher Lebenssituation, Resilienz u.a. Es zeigen sich jedoch auch Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Folgen, wie ich sie in der Beratungspraxis immer wieder beobachte:
Selbstbild: Betroffene weisen o] ein beschädigtes Selbstvertrauen auf, fühlen sich unsicher in der Selbst- und Fremdwahrnehmung, erleben Ohnmacht und Hilflosigkeit, leiden unter Scham- und Schuldgefühlen. Die identitätsbezogene Frage, die viele beschäftigt, lautet: „Wer bin ich, wenn das christliche Korsett wegfällt?“. Unsicherheit und die Angst, nicht verstanden oder bewertet zu werden, können dazu führen, dass Betroffene sich lange Zeit niemandem anvertrauen und ihre Last einsam und alleine tragen.
Ambivalentes Erleben: In der Beratung treffe ich oft auf Personen, die Missstände und Übergriffe wahrnehmen, am Druck und den Verletzungen leiden und dies auch eindrücklich beschreiben können. Gleichzeitig hegen sie grosse Zweifel und sind unsicher bezüglich der Bewertung ihrer Situation:
„Nehme ich das Geschehene richtig wahr oder irre ich mich, wie es mir der Pastor, der Guru, die
Lebensberaterin sagt?“ oder: „Darf ich mich hier wehren oder muss ich die Demütigungen hinnehmen, weil ich, wie der Meister sagt, mein widerspenstiges Ego überwinden müsse?“ Von aussen betrachtet handelt es sich meist klar um Manipulationssituationen.
Die Ambivalenzen können sich auch auf widersprüchliche Erfahrungen beziehen: Die Betroffenen er- leben die Gemeinschaft positiv, der ehrliche Umgang untereinander, die Freundschaften mit Weggefährt:innen. Auch die Unterstützung durch die Leitungsperson wird teilweise als hilfreich beschrieben („Er ist zugewandt“ oder „Sie meint es gut mit mir.“). Die Betroffenen erfahren aber auch Abwertung, Beschimpfung, Drohungen und Ausgrenzung. Es fällt ihnen oft schwer, die positiven Erfahrungen mit den Übergriffen zusammenzubringen. Manche schildern sehr schlimme Erfahrungen, jedoch (noch) ohne Empörung. Empörung ist für den Verarbeitungs- und Loslösungsprozess wichtig, weil sie die Betroffenen darauf hinweist, dass ihre Grenzen verletzt und sie ungerecht behandelt wurden.
Psychische Belastungen: In ausgeprägten Fällen kommt es zu psychischen Belastungen wie Depressionen, Angststörungen, Suizidgedanken, Suizid. Solche Krisen können bereits während der Mitgliedschaft, aber auch im Loslösungsprozess austreten. Auch wenn der Austritt als Befreiungsschlag erlebt wird, kann er Ausgestiegene verunsichern, weil sich die bisherige Selbstdefiniton auflöst, sie ihr soziales Umfeld verlieren, an den Folgen von Jahre lang andauernder psychischer Gewalt leiden, noch keine tragfähigen Perspektiven ausserhalb der Gemeinschaft entwickelt haben.
Angstvolle oder ambivalente Beziehung: Die Leitungsperson – Pastor, Guru, LifeCoach, Lebensberaterin – nimmt eine autoritäre Position ein, sie instrumentalisiert den angeblichen Willen Gottes für eigene Interessen. So behaupten bspw. Pastoren der New International Church zu «passender» Gelegenheit, dass sie eine Offenbarung empfangen hätten, die genau dieses oder jenes Verhalten des Mitgliedes fordere.
Von Angst geprägtes Gottesbild: Das theologische Narrativ eines drohenden, kontrollierenden, strafenden oder auch enttäuschten Gottes, der Gehorsam und Unterwerfung fordert, sitzt bei den Betroffenen tief. Auch wenn sich die Betroffenen von der Gemeinschaft gelöst haben. Konsequenter Gehorsam gilt als Tugend, Ungehorsam als persönliches Versagen.
Das nebenstehende Bild wurde in Anlehnung an die Illustration aus einer freikirchlichen Predigt KI- generiert. In der Predigt hiess es dazu: «Wer wahrhaft glaubt, steht unter Gottes Schutz» – wie die Maus im Lichtkegel, ohne Furcht. Gleichzeitig wird eine Drohkulisse von «bösen Mächten», auf der Lauer liegend, heraufbeschworen und als Realität postuliert. Es mag sein, dass sich Personen sicher fühlen, solange sie sich im Lichtkegel bewegen.
Aber was, wenn sich ein Mensch entwickelt und aus dem Lichtkegel treten will? Glaubenskonzepte können als mächtiges Framing wirken: Der gedankliche Deutungsrahmen nutzt Bilder, die Assoziationen und Emotionen hervorrufen und unser Verständnis vom Menschen und von der Welt prägen und moralisch bewerten. Das Bild mit der Maus kann als Mosaikstein im Rahmen eines angstgestörten Framings gesehen werden.
2. Bedürfnisse von Betroffenen in Beratung und Begleitung
Wenn von spirituellem Missbrauch Betroffene eine Beratung oder Begleitung in Anspruch nehmen, haben sie – wie Klient:innen generell – bestimmte grundlegende Bedürfnisse.
Sich ernstgenommen fühlen: Sie möchten sich in ihren Ängsten, Zweifeln, in ihrem Erleben ernst- genommen fühlen. Keine Ab- oder Bewertung, keine Verharmlosung oder Dramatisierung.
Sich verstanden fühlen: Die Betroffenen erfahren, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Das Gefühl, verstanden zu werden, legt den Grundstein für eine vertrauensvolle Beziehung. Häufig erleben sie dies im Familien- und Freundeskreis nicht oder nicht ausreichend, wenn Angehörige z. B. gut gemeinte Ratschläge geben, die jedoch zu kurz greifen.
Dass die Beratungsperson ihnen glaubt: Dies kann eine Herausforderung für Beratende sein, wenn Betroffene von ungewöhnlichen Vorfällen berichten wie z. B. dass sie immer wieder von unbekannten Personen aus satanistschen Kreisen auf der Strasse angesprochen und gemobbt würden. Betroffene erleben es als kränkend, wenn ihr Erleben infrage gestellt wird.
Ausreichend Zeit: Betroffene wünschen, dass sich die Beratungsperson Zeit nimmt. Meist handelt es sich um vielschichtige Geschichten und Situationen, die nicht selten über viele Jahre andauern. Es braucht Zeit, sich als Beratungsperson einen Überblick zu verschaffen.
Spezifische Fachkompetenz: Die Fachkompetenz umfasst fundierte Rückmeldungen und Einschätzungen und beinhaltet mitunter auch eine klare Positionierung wie z. B. «Ja, das ist sehr manipulativ».
Hier muss die Beratungsperson darauf achten, einerseits nicht zu vage zu bleiben, andererseits aber auch die Schilderung der Betroffenen nicht durch eigene Betroffenheit (Empörung) oder aus persönlicher Perspektive zu übersteuern.
3. Grundlagen und Herausforderung in Beratung und Begleitung
Die folgenden Grundlagen und Haltungen schaffen den Rahmen für einen professionellen, klientenorientierten Beratungsprozess.
Balanceakt Nähe – Distanz: Beratung und Begleitung erfordern eine sensible Balance zwischen Nähe und Distanz, zwischen Vertrauen und therapeutischer Abstinenz (d. h. die Beratungsperson hält persönliche Bedürfnisse und Interessen zurück). Hilfreiche Gespräche brauchen eine gewisse Nähe und Vertrauen. Ist die Nähe zu gering (etwa in der Beratung von Menschen aus anderen Kulturkreisen), kann das nötige Vertrauensverhältnis schlechter aufgebaut werden, es kann zu Missverständnissen kommen. Wird die Nähe zu gross, kippt die professionelle Beziehung in ein unangemessenes, persönliches Setting. Dies ist oft in sektenhaften Gruppen der Fall und begünstigt das Risiko von spirituellem Missbrauch.
Es ist übrigens eine grosse Stärke von Betroffenen- und Selbsthilfegruppen, dass sie aufgrund ähnlicher Erfahrungen der Teilnehmenden (Erfahrungskompetenz) diese Nähe rasch ermöglichen können. Psychotherapeut:innen fehlt dieser Erfahrungsaspekt. Aber auch hier müssen die Gruppenverantwortlichen darauf achten, dass die individuelle Betroffenheit und Sichtweise einzelner Teilnehmender nicht anderen Gruppenmitgliedern aufgedrängt werden.
Klientenorientierung: Diese bezeichnet eine Grundhaltung in der Beratung, bei der die Bedürfnisse und Möglichkeiten (Ressourcen) der Betroffenen im Zentrum stehen. Die Betroffenen bestimmen die Themen und das Tempo des Beratungsprozesses. Die Beratungsperson muss anerkennen, dass sich die Betroffenen in unterschiedlichen Phasen des Entwicklungsprozesses befinden und die Situation aus ihrer Perspektive wahrnehmen und bewerten. Ein bewährter Ansatz in diesem Kontext ist das Transtheorische Modell «Phasen der Veränderung» der Psychologen DiClemente und Prochaska.
Aufgrund der grossen Erfahrung kann eine Beratungsperson häufig schnell erkennen, um welche Problemkonstellation es sich handelt und in welche Richtung die Beratung zielt. Dennoch dürfen die Betroffenen nicht mit Information überflutet oder zu Schritten oder Sichtweisen gedrängt werden.
Empathie: Diese Kompetenz ermöglicht ein einfühlendes Verstehen und Nachvollziehen der Sicht- weise und Erlebniswelt der Betroffenen – durch aktives Zuhören, Interessebekundung und Nachfragen –, ohne deren Aussagen oder Einstellungen zu bewerten. Verstehen heisst nicht zwangsläufig billigen. Viele Betroffene legen aber auch Wert darauf, dass Beratungspersonen angemessen Stellung beziehen.
Würdigung und Bestätigung der Betroffenen und ihres (ambivalenten) Erlebens: Ambivalenz beschreibt das gleichzeitige Erleben gegensätzlicher Gefühle, Gedanken oder Wünsche, z. B. Bewunderung für den Guru und zugleich Angst vor Liebesentzug und Bestrafung. Oder: der Wunsch nach Anerkennung durch den Pastor, einhergehend mit erlebter Bedrängung. Das Anerkennung von Ambivalenzen zeigt den Betroffenen, dass sie mit ihren Konflikten ernstgenommen werden, ohne Bewertung, Belehrung oder Kritik. Die Würdigung hilft, Scham und Verdrängung zu vermeiden, und schafft Offenheit für Veränderung.
Eigene Grenzen erkennen: Eigene Grenzen nicht zu erkennen, kann die Beratungsbeziehung beeinträchtigen (und den Betroffenen schaden) und zu emotionaler Erschöpfung der Beratungsperson führen. Das Erkennen der eigenen Grenzen hilft, Überforderung zu vermeiden und als Beratungsperson rechtzeitig entsprechende Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Ferner können Beratende die Betroffenen auf weitere Angebote hinweisen, alternativ oder ergänzend zu eigener Beratung: Sektenberatung, Opferberatung, Selbsthilfegruppen, Psychotherapie, psychiatrische Behandlung u.a.
Exkurs: Mögliche Konfliktfelder im seelsorgerischen oder kirchlichen Kontext
Ich spreche von «möglichen» Konfliktfeldern, da ich selber nicht im seelsorgerischen Kontext arbeite und die Klientele und deren Anliegen nicht kenne. Die folgenden Aspekte und Fragen sind als Impulse zu verstehen.
Nähe zum Glauben als Ressource – und als Risiko: Verbundenheit durch religiöse Gemeinsamkeit kann Vertrauen fördern: «Mein Gegenüber kennt sich in Glaubensfragen aus, ist auch gläubig». Diese gemeinsame Grundlage kann aber auch Risiken mit sich bringen, wie wir in der Beratungsarbeit bezüglich des freikirchlichen Bereichs immer wieder sehen.
Harmoniebedürfnis: Die Pfarrerin Maike Schöfer beschreibt in ihrem Buch «Nö. Eine Anstiftung zum Neinsagen» (Piper, 2025), wie Harmoniebedürftigkeit Missbrauch begünstigen kann: Das Nein-Sagen zu problematischen Verhaltensweisen, zu Ritualen u.a. werde durch übertriebenes Harmoniestreben erschwert. In der Forum-Studie der Evangelischen Kirche Deutschland wird dieser Aspekt ebenfalls unterstrichen, die Rede ist von «Harmoniezwang» und «diffuser Beziehungsgestaltung». Maike Schöfer fordert daher die Etablierung einer echten Kritikkultur.
Als Anregung die folgende Frage: Fällt es Ihnen schwer, die eigene Meinung oder eigene Bedürfnisse auszusprechen, weil Sie niemanden vor den Kopf stossen möchten?
Loyalitätskonflikt: Bei einem intrapersonellen Loyalitätskonflikt stehen verschiedene Werte oder Verpflichtungsgefühle im Widerspruch zueinander. Dies kann bei der Beratungsperson zu Verunsicherung und innerem Zwiespalt führen.
Anregung: Fühlen Sie sich mit den Betroffenen verbunden und gleichzeitig doch verpflichtet, die Kirche zu verteidigen oder zu „schützen“?
Abgrenzung persönlicher Glaube: Es kann ein Balanceakt sein, die eigene Glaubensüberzeugung lebendig einzubringen und gleichzeitig die Autonomie des Gegenübers zu respektieren.
Anregung: Wie gelingt Ihnen die Balance zwischen eigenen Glauben authentisch zu teilen und gleichzeitig dem Gegenüber Raum für Erfahrungen und Kritik zu geben? Fühlen Sie sich durch Kritik am Glauben im eigenen Glaubensverständnis verunsichert oder „bedroht“?
Eigene Grenzen erkennen und Unterstützung in Anspruch nehmen: Das Erkennen der eigenen Grenzen ist eine wichtige Voraussetzung, um Überforderung zu vermeiden und rechtzeitig angemessene Unterstützung zu holen.
Anregung: Fällt es Ihnen leicht, die eigenen Grenzen zu erkennen, wenn Sie sich z. B. mit den traumatischen Erfahrungen der Betroffenen überfordert fühlen? Wissen Sie, wo Sie welche Unterstützung erhalten?
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