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Gegen Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft

29. Mai 2026

Stellungnahme des Rates der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS

  1. Was uns besorgt

Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS nimmt mit Sorge wahr, dass Antisemitismus in Europa und in der Schweiz wieder sichtbarer und lauter geworden ist. Jüdinnen und Juden getrauen sich immer weniger, ihr Jüdischsein offen zu zeigen. Sie erleben Beschimpfung, Ausgrenzung, Einschüchterung, Bedrohung und gewaltsame Attacken. Antisemitische Muster finden sich nicht nur an den Rändern, sondern ebenso in der Mitte der Gesellschaft, in politischen Debatten, in sozialen Medien, in Bildungsräumen und im kulturellen Leben. Die Zuspitzungen rund um den Nahostkonflikt haben diese Entwicklungen zusätzlich verschärft. 

Zu dieser Situation äussert sich die im Bewusstsein, dass auch die Kirchen selbst in die Geschichte des Antijudaismus und Antisemitismus verstrickt sind. Christliche Theologien der Verachtung, Vorstellungen einer Enterbung Israels, polemische Bibelauslegungen sowie negative Stereotypen und pauschale Schuldzuweisungen gegenüber «den Juden» haben über Jahrhunderte hinweg zur Ausgrenzung, Demütigung und Verfolgung jüdischer Menschen beigetragen. Die Kirche kann daher nur glaubwürdig gegen Antisemitismus Stellung beziehen, wenn sie ihre eigene Schuldgeschichte aufarbeitet, benennt und ihr widerspricht. 

  1. Was uns verpflichtet

Diese Stellungnahme steht im Horizont der Verfassung der EKS, die ausdrücklich von der Pflege des jüdisch-christlichen Dialogs auf nationaler und internationaler Ebene spricht und sich gegen jegliche Art von Diskriminierung wendet. Sie knüpft an bestehende Texte von EKS und SEK zum jüdisch-christlichen Dialog, Texte der Evangelisch-Jüdischen Gesprächskommission (EJGK), zur kirchlichen Verantwortung in gesellschaftlichen Fragen und zur öffentlichen Ethik an. Besonders dankbar nimmt der Rat die Handreichung der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich «Für eine reformierte Kirche ohne Antisemitismus» auf, die für die vorliegende Stellungnahme wichtige Orientierung bietet. Sie verbindet historische Aufarbeitung, theologische Klärung und praktische Konsequenzen in hilfreicher Weise.  

Die kirchliche Verantwortung ist auch theologisch begründet. Jesus war Jude. Das Christentum ist tief im Judentum verwurzelt und lebt mit diesem zusammen aus der hebräischen Bibel. Die Kirche lebt nicht gegen das Volk Israel, sondern aus den Verheissungen Gottes, die sie mit diesem verbindet. Der Einsicht des Paulus, dass Gott sein Volk nicht verstossen hat, kommt dabei grundlegende Bedeutung zu. Christlicher Antijudaismus kommt deshalb einer Abtrennung von den eigenen Wurzeln gleich.  

Diesen Weg der Korrektur und Umkehr hat der reformierte Protestantismus in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg zu beschreiten begonnen. Bereits der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK hielt fest, dass es nicht in Frage komme, die Kirche als «neues Gottesvolk» an die Stelle Israels zu setzen. Daraus erwuchs ein reformierter Konsens: die Ablehnung jedes Antisemitismus, die Anerkennung der bleibenden Erwählung Israels, der Verzicht auf Judenmission und die Verpflichtung zu einem Dialog auf Augenhöhe.  

Auch die Evangelisch-Jüdische Gesprächskommission hat mit der Publikation Land Israel, Staat Israel, heiliges Land hervorgehoben, dass Debatten über Israel/Palästina oft einseitig und undifferenziert geführt werden und dass die lange Tradition des Antisemitismus in Europa die Wahrnehmung dieses Themas bis heute belastet. Sie ruft deshalb zu Selbstreflexion, Wissensvermittlung, Respekt und echtem Dialog auf. 

  1. Wie wir Stellung nehmen

Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz erklärt: 

Antisemitismus ist mit dem christlichen Glauben unvereinbar. 

Antisemitismus widerspricht der Achtung der Menschenwürde sowie dem Streben nach Gerechtigkeit und Frieden. Er verletzt jüdische Menschen auf vielfältige Weise, indem er ihre Würde angreift, sie ausgrenzt, bedroht und ihre Sicherheit gefährdet. Er zerstört Vertrauen zwischen den Religionsgemeinschaften, vergiftet das gesellschaftliche Zusammenleben und bedroht die demokratische Kultur. 

Antisemitismus ist für die Kirche nicht nur ein allgemeines gesellschaftliches Problem. Er ist auch ein Thema eigener Schuld und bleibender Umkehr. Wo christliche Lehre, Verkündigung, Bibelauslegung oder kirchliche Praxis jüdische Menschen herabgesetzt, dämonisiert, kollektiv belastet oder aus der Geschichte Gottes verdrängt haben, bekennen wir Schuld. Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir. 

Wir sagen deshalb klar Nein zu allen Formen des Antisemitismus: zum religiösen Antijudaismus, zum rassistischen Antisemitismus, zu soziokulturellen und politischen Erscheinungsformen, zu Verschwörungsnarrativen, zu Dämonisierung, zu Doppelstandards und zu jeder Delegitimierung jüdischen Lebens.  

Wir widersprechen jeder Auslegung biblischer Texte, die jüdische Menschen pauschal beschuldigt, entwürdigt oder als von Gott verworfen darstellt. Eine solche Auslegung missachtet den geschichtlichen Zusammenhang neutestamentlicher Texte und reproduziert kirchliche Schuldtraditionen. 

Wir bekräftigen die bleibende Verbundenheit der Kirche mit dem Judentum. Die Erwählung des Volkes Israels ist nicht widerrufen. Christlicher Glaube lebt aus einer Geschichte, die dies voraussetzt. Wo die Kirche das vergisst, verliert sie die Erinnerung an ihre eigenen Wurzeln. 

  1. Unsere Haltung zum Thema “Antisemitismus und Nahostkonflikt”

Der Rat hält fest: Kritik am Staat Israel und an der Politik seiner Regierungen ist möglich und legitim. Sie darf jedoch nicht in antisemitische Muster verfallen. 

Antisemitische Züge gewinnt Kritik am Staat Israel dort, wo sie mit Doppelstandards arbeitet, den jüdischen Staat dämonisiert oder seine Existenz delegitimiert. Die EKS anerkennt, dass das Thema Israel/Palästina historisch, politisch, rechtlich, religiös und emotional hoch komplex ist. Vereinfachungen, Projektionen und identitätspolitische Übersteigerungen gefährden den Dialog. Darum treten wir für eine Sprache ein, die differenziert, informiert und verantwortungsvoll ist.  

Wo im kirchlichen Raum über Israel und Palästina gesprochen wird, erwarten wir Sachkenntnis, historische Sensibilität und das hörbare Mitbedenken jüdischer Perspektiven. Wer von Menschenwürde und Frieden spricht, darf weder das Leid jüdischer Menschen relativieren noch das Leid anderer instrumentalisieren. 

Wir distanzieren uns von jeglicher Form eines sogenannten christlichen Zionismus, der im Zuge einer Endzeiterwartung die Rückkehr von Jüdinnen und Juden in den Staat Israel und in die palästinensischen Gebiete fördern will. Er verunmöglicht nicht nur, Jüdinnen und Juden auf Augenhöhe zu begegnen, sondern missachtet auch die Rechte von Palästinenserinnen und Palästinensern. 

  1. Unsere besondere Verantwortung als Kirche 

Die Kirche trägt im Thema Antisemitismus eine besondere Verantwortung. Diese Verantwortung ist geistlich, theologisch, pädagogisch und institutionell zu verstehen.  

Sie ist geistlich, weil Antisemitismus die Gemeinschaft mit dem Gott Israels verletzt. 

Sie ist theologisch, weil die Kirche ihre eigenen Fehlformen erkennen und korrigieren muss. 

Sie ist pädagogisch, weil Bildung, Predigt, Katechese, Erwachsenenbildung und kirchliche Öffentlichkeitsarbeit entweder zur Sensibilisierung beitragen oder unbewusst Klischees fortschreiben können. 

Sie ist institutionell, weil kirchliche Räume, Plattformen und Kooperationen nie neutral sind. Was in kirchlichen Räumen gesagt, gezeigt, geduldet oder beworben wird, fällt auf die Kirche zurück und prägt ihr öffentliches Zeugnis. 

  1. Konsequenzen für kirchliches Handeln

Darum appelliert die EKS an die Verantwortung der Mitgliedkirchen, ihrer Behörden, Mitarbeitenden und Mitgliedern, Antisemitismus nicht nur zu verurteilen, sondern ihm in den eigenen Strukturen vorzubeugen und entschieden entgegenzutreten. 

Kirchliche Räume, Veranstaltungen und Kommunikationskanäle dürfen nicht für antisemitische Inhalte, Symbole, Agitation oder Desinformation zur Verfügung gestellt werden. Das gilt auch dann, wenn solche Inhalte indirekt, codiert oder unter dem Deckmantel politischer Debatte auftreten. 

Bei der Vermietung kirchlicher Räume, beim Hosting von Drittorganisationen und bei der Beteiligung an externen Veranstaltungen gilt für die Kirche eine besondere Sorgfaltspflicht. Wer kirchliche Gastfreundschaft beansprucht, muss die Würde aller Menschen achten und darf keine Inhalte vertreten oder dulden, die antisemitisch, rassistisch oder in anderer Weise menschenverachtend sind. Für die Auswahl von Partnern und Nutzenden sind darum klare Kriterien nötig, die sich an Menschenwürde, Dialogbereitschaft, Transparenz und der Achtung grundlegender Rechte und demokratischer Werte orientieren. 

Wo Anzeichen antisemitischer Tendenzen bestehen, genügt kirchliche Neutralität nicht. Es braucht Prüfung, Rückfrage, gegebenenfalls Auflagen und, wenn nötig, Absage oder Rückzug. Die Kirche darf ihre Räume nicht zur Verfügung stellen, wenn damit Hass, Ausgrenzung oder Delegitimierung jüdischen Lebens Vorschub geleistet wird. 

Für Podien, Tagungen, Bildungsveranstaltungen und Kooperationen bedeutet das: Die Kirche prüft Inhalte, Trägerschaften, Referierende und Kommunikationsformen. Sie beteiligt sich nicht an Formaten, in denen antisemitische Narrative verbreitet, verharmlost oder relativiert werden. Sie achtet darauf, dass bei konflikthaften Themen sachkundige Stimmen, historische Einordnung und dialogische Fairness gewährleistet sind. Wo dies nicht gegeben ist, ist Distanzierung geboten. 

Auch in Predigt, Unterricht und kirchlicher Bildungsarbeit gilt: Antisemitische Klischees, etwa über «Gesetzlichkeit», «Pharisäismus», Vergeltungslogik oder angebliche jüdische Kollektiveigenschaften, haben keinen Platz. Die Kirche ist verpflichtet, solche Muster bewusst zu verlernen und in Theologie, Liturgie und Bildungssprache zu vermeiden. 

  1. Was wir fördern wollen

Die EKS will den jüdisch-christlichen Dialog weiter vertiefen, Begegnungen fördern und bestehende Beziehungen pflegen. Dazu gehört insbesondere der kontinuierliche Austausch mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG. Die EKS unterstützt Bildungsarbeit, die jüdisches Leben in der Schweiz sichtbar macht, historische Kenntnisse stärkt und antisemitische Denkmuster erkenntlich macht. Sie sucht die Zusammenarbeit mit jüdischen Partnern und mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, die sich gegen Rassismus und Antisemitismus engagieren. 

Über den jüdisch-christlichen Dialog hinaus bringt sich die EKS in bestehenden institutionellen Gefässen ein, namentlich im Schweizerischen Rat der Religionen SCR. Dort setzt sie sich gemeinsam mit anderen Religionsgemeinschaften für Religionsfreiheit, für den Schutz religiöser Minderheiten und gegen Antisemitismus, Antiislamismus und jede Form religionsbezogener Diskriminierung ein. Auch durch ihre Mitwirkung in der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus sowie in der Menschenrechtskommission trägt die EKS dazu bei, Fragen von Religionsfreiheit, Menschenwürde und Diskriminierungsschutz in gesellschaftliche und politische Debatten einzubringen. 

Die EKS ermutigt ihre Mitgliedkirchen, Kirchgemeinden, Werke und Institutionen, eigene Sensibilisierungs- und Prüfprozesse einzurichten: für Predigt und Liturgie, Unterrichtsmaterialien, Erwachsenenbildung, Veranstaltungen, externe Raumvergabe, Kommunikationsrichtlinien und Kooperationsentscheide. 

  1. Zum Schluss 

Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz betont: Antisemitismus hat in Kirche und Gesellschaft keinen Platz. 

Wir treten ihm entgegen, wo immer er offen oder verdeckt auftritt. Wir tun dies im Wissen um die eigene Schuldgeschichte, im Respekt vor jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart und in der Hoffnung auf eine Kirche, die aus ihren Wurzeln lebt, Verantwortung übernimmt und glaubwürdig für Würde, Gerechtigkeit und Frieden einsteht. 

Die Abkehr vom Antisemitismus ist keine einmalige Erklärung, sondern eine fortwährende Praxis der Umkehr, der Aufmerksamkeit und des Handelns. 

Grundlagen und weiterführende Quellen 

  • Der Vorstand des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes: Überlegungen zum Problem Kirche-Israel, gedrucktes Manuskript, Bern 1977 /Le conseil de la Féderation des Églises Protestantes de la Suisse: Réflexions sur le problème Église-Israël, manuscrit imprimé, Berne 1977. 
  • Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz EKS: Neue Verfassung. Stand 31. März 2023. Bern 2023.  
  • Mathwig, Frank / Frey, Felix: Sorgt für das Recht! Jesaja 1,17. Über das Verhältnis von Demokratie und Menschenrechten. 2. Auflage. Bern 2023.  
  • Bullinger, Heinrich: Das Zweite Helvetische Bekenntnis (Confessio Helvetica Posterior 1566).