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Spiritueller Missbrauch stellt eine schwerwiegende Verletzung der persönlichen Integrität dar und betrifft den innersten Kern des geistlichen Lebens. Das nachfolgende Vertiefungsmaterial richtet sich an die Mitgliedkirchen, bietet eine Kontextualisierung, konkrete Beispiele sowie Empfehlungen zu präventiven Massnahmen.
Die Grundlagen und Standards zum Schutz der persönlichen Integrität innerhalb der EKS und ihrer Mitgliedkirchen zielen darauf ab, die geistige und spirituelle Integrität aller Menschen zu schützen und zu achten. Angehörigen anderer Konfessionen und Religionen sowie kirchenfernen Personen wird mit demselben Respekt begegnet.
Die Vereinnahmung von «Gottes Willen» zur Verfolgung persönlicher oder vermeintlich kirchlicher Interessen ist nicht erlaubt. Ebenso sind jegliche Formen von spirituellem Machtmissbrauch und spiritueller Manipulation verboten.
Spiritueller Missbrauch ist die Beeinflussung einer Person oder der Versuch, eine andere Person zu beeinflussen, um sie sowohl psychologisch als auch spirituell abhängig zu machen, wobei Gott oder andere Elemente religiöser Doktrin als Vorwand benutzt werden, um die Person zu schwächen, sie dazu zu bringen, Handlungen zu begehen oder zu tolerieren, die sie ohne die erlittene Einflussnahme nicht akzeptiert hätte, oder sie sogar zu zerstören. Es handelt sich hierbei um einen Machtmissbrauch – in diesem Fall um religiösen Machtmissbrauch.
Spiritueller Missbrauch geschieht in einem religiösen, kirchlichen oder gemeindlichen Setting; die Täterin oder der Täter bedient sich zur Rechtfertigung des Missbrauchs an der oder dem Betroffenen religiöser, spiritueller und theologischer Inhalte.
Spiritueller Missbrauch ist kein Randthema für die Kirche. Es handelt sich nicht um eine geringfügige Form des Missbrauchs. Der schwerwiegendste Aspekt des spirituellen Missbrauchs ist, dass er den eigentlichen Kern des christlichen Lebens tangiert. Er stellt eine Verletzung des «geheimsten Kerns» und des «Heiligtums im Menschen dar, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist».
Die Folgen spirituellen Missbrauchs für die Betroffenen sind:
Im Schweizer Recht ist die Beeinflussung einer Person – namentlich der spirituelle Missbrauch – nicht als zivilrechtliche unerlaubte Handlung oder als Straftat definiert, geregelt oder explizit unter Strafe gestellt. Die nachteiligen Folgen für die beeinflusste Person (vor allem unter dem Gesichtspunkt der Körperverletzung infolge der Schädigung der psychischen Gesundheit der oder des Betroffenen) werden hingegen durch mehrere zivil- und strafrechtlichen Bestimmungen geahndet.
Spiritueller Missbrauch kann in vielen Kontexten vorkommen: in verschiedenen Formen der Begleitung (Seelsorge, Beichte, spirituelle Begleitung), aber auch in Verkündigung, Lehre und der Ausübung einer Führungsrolle. Er kann durch Einzelpersonen erfolgen oder aus einem System einer Gemeinde oder einem institutionellen System hervorgehen.
Manche Gemeinden oder Gruppen entwickeln eine eigene Kultur, die von eigenen Vorstellungen von Gott, der Welt und den Menschen geprägt ist. In einem solchen Kontext können sich – bewusst oder unbewusst – Missbrauchslogiken etablieren, wenn spirituelle Macht auf autoritäre oder ausgrenzende Weise oder eine Weise, die Schuldgefühle auslöst, ausgeübt wird.
Spiritueller Missbrauch kann also direkt erfolgen und absichtlich oder unabsichtlich von einer Einzelperson ausgeübt werden, oder strukturell sein und durch die Funktionsweise eines Systems verfestigt werden. Er kann sich allmählich einstellen, oftmals schleichend, unter dem Deckmantel von Fürsorge, spiritueller Autorität oder der Treue gegenüber einer Glaubenslehre.
Spiritueller Missbrauch kann in einer unausgewogenen Machtdynamik Wurzeln schlagen, wenn der Glaube oder Glaubensinhalte benutzt werden, um über andere Menschen zu bestimmen, sie zu manipulieren und zu kontrollieren. Er kann dort entstehen, wo der individuelle Entwicklungsprozess verwehrt oder eingeschränkt wird – wenn nicht anerkannt wird, dass die spirituelle Entwicklung für jeden Menschen individuell unterschiedlich verläuft und das Respekt und Freiheit verdient.
Diese Art von Missbrauch wird durch Stillschweigen gefördert, wird gefördert, wenn Autorität mit göttlicher Wahrheit gleichgesetzt wird, einem Fehlen von Grenzen in den zwischenmenschlichen Beziehungen für die Begleitung oder auch durch ein allgemeines Klima, in dem Zweifel und Kritik als Fehler gesehen werden.
So können die Grenzen zwischen spiritueller Begleitung und Machtausübung verschwimmen, insbesondere wenn Vertrauen ausgenutzt wird, um eine Abhängigkeit zu schaffen, eine bestimmte Auslegung aufzuzwingen oder unkritischen Gehorsam einzufordern.