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Was Kirchen in Wales der Schweiz voraus haben

6. Mai 2026

Ein Solidaritätsbesuch der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen führte Ende März nach Wales. Mit dabei: Martin Hirzel, Leiter Aussenbeziehungen der Evangelischreformierten Kirche Schweiz (EKS) in seiner Funktion als Vizepräsident der WGRK Europa. Der Austausch zeigte, warum der walisische Kontext für die reformierten Kirchen in Europa – und auch für die Schweiz – besonders lehrreich ist. 

Vom 26. bis 29. März 2026 besuchte das Steering Committee der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) Region Europa Wales. Wales erwies sich dabei als ein Ort, an dem Entwicklungen sichtbar werden, mit denen sich Kirchen auf dem Kontinent erst seit Kurzem auseinandersetzen. Rückläufige Mitgliederzahlen, knapper werdende Ressourcen und die Frage nach der Rolle von Kirche in einer säkularen Gesellschaft prägen den kirchlichen Alltag seit Jahren. Gleichzeitig greifen die Kirchen in Wales auf starke kulturelle und theologische Traditionen zurück, die ihnen Orientierung in einer konfessionell und religiös pluralen Gesellschaft geben. 

Ein zentraler Programmpunkt war der Austausch mit Cytûn – Churches Together in Wales, der ökumenischen Dachorganisation der christlichen Kirchen in Wales. In den Gesprächen wurde deutlich, wie eng dort Glaubensfragen mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden sind. Öffentliche Theologie wird nicht als innerkirchliches Nachdenken verstanden, sondern als gemeinsame Aufgabe der Kirchen im Dialog mit Politik und Zivilgesellschaft – etwa bei Themen wie sozialer Ungleichheit, Armut oder dem Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft. 

Weitere Begegnungen mit Vertreterinnen und Vertretern der reformierten Kirchen in Wales – darunter der United Reformed Church, der Union of Welsh Independents und der Presbyterian Church of Wales – machten die Vielfalt reformierten Kircheseins sichtbar. Zugleich zeigte sich, wie wichtig ökumenische Zusammenarbeit vor Ort geworden ist: nicht nur innerhalb der Kirchen, sondern auch mit Blick auf soziale und diakonische Herausforderungen. 

Ein Besuch im Museum of Welsh Life in St Fagans öffnete den Blick für die Geschichte des Landes. Besonders eindrücklich war die Auseinandersetzung mit der Rolle der walisischen Sprache. Während diese über lange Zeit unterdrückt wurde, spielten unabhängige Kirchen eine entscheidende Rolle bei ihrem Erhalt. Bis heute sind Sprache, Glaube und kollektive Erinnerung in Wales eng miteinander verwoben. 

Auch die Teilnahme an Gottesdiensten in Cardiff gehörte zum Programm. Sie vermittelte einen lebendigen Eindruck davon, wie Glaube heute gelebt wird – zwischen historischer Verwurzelung und aktuellen gesellschaftlichen Fragen. 

Abgerundet wurde der Besuch durch einen Spaziergang durch Cardiff Bay, das politische Zentrum des heutigen Wales. Der Blick auf das Senedd und die städtebauliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte machte sichtbar, wie eng politische Selbstverortung, gesellschaftlicher Wandel und kirchliche Präsenz miteinander verbunden sind. 

Für die Schweiz war der Besuch besonders aufschlussreich. Viele Entwicklungen, die die Kirchen in Wales seit Langem prägen – etwa die Minderheitenposition der Kirchen, strukturelle Einsparungen oder neue Formen kirchlicher Zusammenarbeit – zeichnen sich auch hierzulande ab. Der Austausch bot daher die Gelegenheit, Erfahrungen aus einem Kontext kennenzulernen, der Entwicklungen vorwegnimmt, mit denen sich auch die reformierten Kirchen in der Schweiz zunehmend auseinandersetzen müssen. 

Der Solidaritätsbesuch bestätigte für die WGRK Region Europa den Wert solcher Begegnungen. Sie stärken Beziehungen, ermöglichen gemeinsames Lernen und schärfen den Blick für die Zukunft der Kirchen in Europa.
Ein besonderer Dank gilt Kevin Snyman, zweiter Vizepräsident der WGRK Europa und Vertreter der United Reformed Church (UK), der den Besuch vorbereitet und die Delegation während der Tage in Wales begleitet hat.