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Die Genfer Theologin Emma van Dorp nimmt an der sechsten Weltkonferenz Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) teil, die vom 24.–28. Oktober 2025 in Ägypten stattfindet. Seit 2023 ist sie auf Mandat der EKS Mitglied der Kommission Glauben und Kirchenverfassung (Faith and Order) und bringt dort reformierte Perspektiven zum Leitthema «Welche Horizonte für die sichtbare Einheit?» ein. Ein Gespräch.
Emma, du bist seit zwei Jahren Mitglied der Kommission Glauben und Kirchenverfassung. Worin besteht dieses Engagement konkret?
Ich vertrete die EKS und unsere schweizerisch-reformierte Tradition im weltweiten ökumenischen Kontext. Die Kommission tagt alle zwei Jahre vor Ort; zusätzlich tauschen wir uns alle drei Monate per Zoom aus. Wir bearbeiten theologische Fragen, und ich versuche, die reformierte Stimme aus der Schweiz einzubringen, damit sie Gehör findet und unsere Anliegen verstanden werden. Ein Beispiel: Wir arbeiten aktuell an der Botschaft der nächsten Weltkonferenz. Mein Beitrag ist u. a., biblische Texte vorzuschlagen, weil in unserer reformierten Tradition die Heilige Schrift zentral ist. Andere Delegierte, etwa aus orthodoxen Kirchen, betonen stärker die trinitarische Theologie. Diese Vielfalt nährt unsere Arbeit: Wir diskutieren gemeinsam die Texte und Botschaften, die später von der Kommission veröffentlicht werden.
Gab es in den zwei Jahren einen Moment, eine Debatte oder eine Idee, die dich besonders geprägt hat?
Vor allem unser erstes Präsenztreffen in Indonesien. Wir mussten uns dort den Arbeitsgruppen zuordnen. In der Kommission gibt es drei Untergruppen mit spezifischen Schwerpunkten: Eine arbeitet z. B. zu ekklesiologischen Fragen rund um die Taufe oder zur Synodalität – Themen, die besonders orthodoxe und römisch-katholische Kirchen interessieren. Eine andere Gruppe fokussiert soziale Gerechtigkeit, Schöpfung und die Frage, wie Theologie angesichts gesellschaftlicher Krisen zu Engagement führt – das spricht viele Protestantinnen und Protestanten an. Es wurde sehr deutlich, wie stark Traditionen unsere Interessen prägen. Diese Vielfalt wurde in diesem Moment wirklich sichtbar.
2025 feiern wir 1700 Jahre Konzil von Nizäa und sein Glaubensbekenntnis. Welche Bedeutung kann es heute noch haben?
Für mich ist das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel weiterhin sinnvoll – vielleicht auch, weil ich mich damit beschäftige, seit entschieden wurde, eine Konferenz zu Nizäa-Konstantinopel und zum Bekenntnis zu organisieren. Ich habe mich gefragt, welche Relevanz dieser Text für uns Schweizer Reformierte hat; denn in unseren Liturgien kommt er eher selten vor. Also: Welche Rolle kann dieses Bekenntnis heute bei uns und weltweit spielen? In der Auseinandersetzung damit habe ich das Zweite Helvetische Bekenntnis neu entdeckt, unsere reformierte Geschichte – und die Gründe, weshalb wir keine gemeinsame Bekenntnisbasis mehr haben, mit kantonal unterschiedlicher Praxis. Aus Gesprächen in Kirchgemeinden, in denen ich seit einigen Jahren zu Nizäa spreche, wurde mir klar, wie wichtig gemeinsame Identität in einer multikulturellen, multireligiösen und verunsicherten Gesellschaft ist. Seither finde ich: Es ist sinnvoll, das Bekenntnis wieder stärker zu rezipieren, um als Christinnen und Christen erkennbar aufzutreten.
Für diejenigen, die diese Art von Veranstaltung nicht kennen: Wie sieht eine große Weltkonferenz wie die in Ägypten aus?
Vor allem viele, intensive Begegnungen – formal und informell. In fünf Tagen arbeiten wir zu drei Hauptthemen: Einheit, Mission, Sichtbarkeit. Jeder Tag ist einem Thema gewidmet, mit Plenum und Workshops in Kleingruppen. Diese formalen Teile dienen dazu, Inhalte für die Kommission zu erarbeiten, die wir später vertiefen. Wichtig ist aber auch das Drumherum: Liturgie, Morgen-, Mittags- und Abendgebete, gemeinsame Mahlzeiten. Auch das ist Ökumene: reden und zusammen essen. Es heisst ja: Ökumene geschieht nicht nur im Salon, sondern auch in der Küche. Nach formalen Debatten hilft es, in der Pause im kleinen Kreis zu verstehen, warum jemand etwas so gesagt hat – kulturell und traditionell verortet. Ökumene beschränkt sich nicht auf Offizielles; das Informelle ist genauso wichtig.
Der ÖRK sagt: «Unsere zunehmend gespaltene, polarisierte Welt braucht dringend Einheit unter Christgläubigen und Kirchen.» Hast du die Hoffnung, dass diese Konferenz etwas voranbringt?
Ja, und aus zwei Gründen. Erstens der kritische Blick auf Nizäa-Konstantinopel: Ich fragte mich anfangs, ob wir nur Historie glorifizieren. Natürlich gibt es Anerkennung für die Schönheit dieser 1700-jährigen Geschichte und ihren grundlegenden Text. Aber ebenso wichtig sind die Fragen: Was bedeutet dieser Text heute? In welchem Kontext entstand er? Und: Wie sähe ein solches Bekenntnis aus, wenn wir es heute formulierten? Das ist zentral, wenn wir über christliche Identität in der Gegenwart nachdenken. Zweitens: die Jugend. Es werden junge Leute beim GETI (Global Ecumenical Theological Institute) und auch in der Kommission präsent sein, und wir arbeiten intergenerationell zusammen. Es diskutieren nicht nur Theologinnen und Theologen über 50 unter sich; Ziel ist, gemeinsam Perspektiven für die Zukunft der Ökumene zu entwickeln.
Die letzte Weltkonferenz Glauben und Kirchenverfassung war 1993; die erste von 1927 legte Grundlagen für die Gründung des ÖRK. Spürst du Belastung durch dieses Erbe?
Nicht wirklich. Wer 1993 schon dabei war, empfindet vielleicht Kontinuitätsdruck und hat mehr Rückblick. Ich schaue jugendlich eher vorwärts, weniger auf Tradierung. Druck empfinde ich keinen – eher Lust und Willen, dass unsere ekklesiologische Arbeit heute Bedeutung hat.
Was können die Kirchen in der Schweiz — insbesondere die EKS — tun, um die Früchte der Konferenz hier lebendig zu halten?
Kommunizieren ist das Wichtigste: sagen, was wir getan haben und was wir vorhaben. Mit «wir» meine ich sowohl die Kommission Glauben und Kirchenverfassung als auch die Personen, die die EKS vertreten – inklusive der jungen reformierten Theologinnen und Theologen beim GETI, etwa Anna Lerch (Bern) und Avi Girschweiler (Winterthur). Man könnte sie in Kantonalkirchen zu Veranstaltungen einladen oder ein Kolloquium im Anschluss an die Konferenz organisieren. Und: über soziale Medien und die erarbeiteten Dokumente kommunizieren, damit sichtbar wird, was entstanden ist.
Was motiviert dich persönlich für dieses Engagement?
Ich möchte diese Konferenzen mitvollziehen und teilen, das Evangelium leben. In solchen Momenten werden Evangelium und Kirche lebendig. Aus unserer manchmal etwas zersplitterten schweizerisch-reformierten Perspektive heraus begegnen wir Menschen weltweit, die denselben Glauben leben – wir nähren uns gegenseitig. Es ist ein Reichtum zu wissen: Meine Schwester, mein Bruder sind nicht nur in der Nachbargemeinde, sondern auch am anderen Ende der Welt. Das stärkt auch unsere reformierte Identität in der Schweiz. Diese Konferenzen helfen mir zu verstehen, wer ich als Reformierte bin und wer wir sind. In der Liturgie anderer Traditionen denke ich manchmal: «So könnte ich nie beten.» Und doch lässt mich eine orthodoxe Gebetsform meine eigene Glaubenspraxis tiefer verstehen. Das regt mich an zu fragen: Sollte ich meine Art zu beten etwas ändern?
Zur Person
Emma van Dorp ist Schweizer Theologin und Doktorandin an der Theologischen Fakultät der Universität Genf, wo sie als Assistentin für Systematische Theologie arbeitet. Ihre Forschung gilt dem gemeinschaftlichen Glauben im schweizerischen Protestantismus und im ökumenischen Kontext. Sie ist Absolventin des Ökumenischen Instituts Bossey (Master in Ökumene).
Zur Kommission Glauben und Kirchenverfassung (Faith and Order)
Emma van Dorp wurde 2023 in die Kommission Glauben und Kirchenverfassung des ÖRK gewählt – eines der ältesten theologischen Gremien der Ökumene (Wurzeln Edinburgh 1910). Die Kommission ist ein theologischer Dialograum zwischen protestantischen, orthodoxen und römisch-katholischen Traditionen mit dem Ziel, das Verständnis zu vertiefen und auf die sichtbare Einheit zuzugehen. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte:
Zur Konferenz 2025
Die 6. Weltkonferenz Glauben und Kirchenverfassung findet 24.–28. Oktober 2025 im Logos Papal Center, Wadi El Natroun (Ägypten) statt – in einer monastischen Region mit langer spiritueller Tradition. Gastgeberin ist die koptisch-orthodoxe Kirche, die in einem Geist der Gastfreundschaft und des Dialogs einlädt. Die Tagung markiert das 1700-jährige Jubiläum des Ersten Ökumenischen Konzils von Nizäa und versammelt Theologinnen und Theologen weltweit zum Thema «Welche Horizonte für die sichtbare Einheit?» für eine gemeinsame Besinnung auf die Grundlagen des Glaubens und die Wege der Gemeinschaft zwischen den Kirchen.
Mehr zur Kommission Glauben und Kirchenverfassung: ÖRK / Faith and Order.
