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Am zweiten Tag der Sommersynode in Bulle hat die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) über grundsätzliche Fragen ihrer Ausrichtung beraten. Den Auftakt machte das Wort der Präsidentin Rita Famos, die für eine sichtbar gelebte Gemeinschaft der reformierten Kirchen warb. Es folgten Debatten darüber, wie und wann sich die Kirche öffentlich äussert, wie die Mitgliedkirchen finanzielle Lasten gemeinsam tragen und wie sie national zusammenarbeiten – sowie über die mögliche Annäherung an die lutherischen Kirchen, den Rechenschaftsbericht und die Rechnung 2025.
Hier finden Sie Fotos der Synode
Wort der Präsidentin: «Kirche leben – sichtbar gemeinsam»
Zum Auftakt des Montagmorgens rückte Präsidentin Rita Famos in ihrem Wort an die Synode das Verhältnis von kirchlichem Leben und kirchlichen Strukturen ins Zentrum. Kirche beginne nicht bei Verwaltung, Reglementen und Budgets, sondern beim Ruf Gottes – doch gerade auch die Art, wie die reformierten Kirchen zusammenarbeiten, Entscheidungen treffen und Lasten teilen, gehöre zum Zeugnis der Kirche. Am Bild der neun Rigi-Bahnen, die ihre Kräfte gebündelt haben, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben, warb sie angesichts knapper werdender Ressourcen für eine sichtbar gelebte Gemeinschaft der EKS und ihrer Mitgliedkirchen.
«Wir sind nicht Kirche nebeneinander. Wir sind Kirche miteinander. Wir sind Kirchengemeinschaft.» — Rita Famos, Präsidentin der EKS
Die Rede gab den Beratungen des Tages einen Rahmen: Mehrere der folgenden Geschäfte – von der Solidarität beim Beitragsschlüssel über die Zusammenarbeit in den Konferenzen bis zur öffentlichen Stimme der Kirche – berühren genau die Frage, wie viel die Kirchen gemeinsam und wie viel sie eigenständig regeln.
Annäherung an die lutherischen Kirchen (BELK)
Zum Auftakt des Morgens stellte sich der Bund Evangelisch-Lutherischer Kirchen in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein (BELK) der Synode vor. Der BELK ist ein Zusammenschluss lutherischer Gemeinden in Basel, Bern, Genf, Vaduz und Zürich mit rund 3’500 Mitgliedern. Er hat im März 2026 einstimmig ein Gesuch um Assoziierung mit der EKS gestellt – also um eine institutionalisierte, verbindliche Form des Austauschs, welche die Eigenständigkeit beider Seiten wahrt.
«Eine Assoziierung verstehen wir als Zeichen der Verbundenheit und der Zusammengehörigkeit der reformatorischen Kirchen.» — Renate Dienst, Präsidentin der BELK
Die Synode nahm die Vorstellung zur Kenntnis und hielt ihre Erwartungen an die auszuhandelnde Vereinbarung fest. Sie beauftragte den Rat einstimmig mit der weiteren Verhandlungsführung. Ein definitiver Entscheid über die Assoziierung fällt frühestens an einer folgenden Synode.
Neue Vorstösse: öffentliche Stimme und interne Zusammenarbeit
Zwei neue Vorstösse aus dem Kreis der Synodalen berührten das Selbstverständnis der EKS. Bei einer Motion beauftragt die Synode den Rat mit einer Aufgabe; bei einer Interpellation verlangt sie vom Rat Antworten auf konkrete Fragen.
Besonders im Fokus stand die Interpellation von Esther Straub (ZH) und elf Mitunterzeichnenden zu den öffentlichen Stellungnahmen des Rates EKS. Sie wirft die Frage auf, wann und wozu sich die Kirche öffentlich äussert. Anlass war, dass der Rat zur Nachhaltigkeitsinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» keine Abstimmungsempfehlung abgab, sondern seine Haltung nur über ein Interview der Präsidentin einbrachte – während er sich etwa zur SRG-Initiative «200 Franken sind genug!» klar äusserte. Die Interpellantinnen und Interpellanten fragen, wie die EKS ihren Auftrag für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung wahrnehmen kann, wenn sie zwar Diskussionsräume öffnet, aber keine Position bezieht.
In ihrer Antwort verteidigte der Rat – vertreten durch Präsidentin Rita Famos und Vizepräsident Pierre-Philippe Blaser – seine Zurückhaltung als bewusste Entscheidung: Bei stark polarisierenden Vorlagen, bei denen die Mitglieder der Kirche in unterschiedlichen Lagern stehen, gehe es darum, die Kirche gesprächsfähig zu halten und nicht zusätzlich zu spalten. Massgeblich sei die «unmittelbare Betroffenheit» der Kirche, also ob kirchliches Leben, Seelsorge, Finanzierung oder kirchliche Berufe direkt berührt sind – kein Schweigegebot, sondern ein Kriterium für Form und Gewicht einer Äusserung.
«Wenn die Kirche solche Räume eröffnet, zieht sie sich nicht aus der Öffentlichkeit zurück. Sie übernimmt Verantwortung für die Art, wie wir als Gesellschaft miteinander streiten. Auch das ist ein Dienst am Frieden.» — Rita Famos, Präsidentin der EKS
Der Rat hielt fest, dass sich die EKS sehr wohl regelmässig zu Asyl, Migration, Friedens- und Entwicklungsarbeit äussere, räumte aber selbstkritisch ein, dass diskursive Formen ausserhalb der kirchlichen Medien teils als Schweigen wahrgenommen würden und die Kommunikation hier besser werden müsse. Zur Klärung legte der Rat die Publikation «10 Fragen – 10 Antworten: Warum und wie sich die EKS öffentlich äussert» vor.
Die Aussprache zeigte ein breites, aber besonnenes Spektrum zwischen dem Wunsch nach einer mutigeren öffentlichen Stimme der EKS und dem Verständnis für Zurückhaltung angesichts der Heterogenität ihrer Mitglieder. Deutlich wurde: Umstritten ist nicht, ob die EKS öffentlich sprechen soll, sondern wann, in welcher Form und mit welcher Verbindlichkeit; eine Abstimmung erfolgte nicht.
Die Synode lehnte die Überweisung der Motion von Esther Straub zur Neuordnung der EKS-Konferenzen mit 34 zu 27 Stimmen bei 2 Enthaltungen ab. Unbestritten war in der Debatte der Klärungsbedarf: Die Konferenzen sollen überprüft und die nationale Zusammenarbeit der reformierten Kirchen verbindlicher und schlanker ausgestaltet werden. Umstritten blieb der Weg dahin. Der Rat EKS anerkannte das Anliegen, hielt aber eine Motion für das falsche Instrument, da sie eine Neuorganisation vorwegnehme. Er will zunächst den inhaltlichen Bedarf klären und der Synode innert Jahresfrist einen Vorschlag für eine zeitgemässe Struktur der drei Konferenzen vorlegen.
Klares Bekenntnis zu einem solidarischen Beitragsschlüssel
Wirtschaftlich und kirchenpolitisch am meisten Gewicht hatte die Motion «Beitragsschlüssel EKS». Der Rat schlug ein neues Solidaritätsmodell vor, das die Beiträge der Mitgliedkirchen stärker an ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ausrichtet – mit Solidaritätsfaktor 0.005, Einführung 2028 und dreijähriger Übergangsfrist. Luzern beantragte die Rückweisung, weil Datengrundlagen fehlten und die eigene Finanzkraft zu hoch eingeschätzt werde. Die Synode lehnte den Rückweisungsantrag deutlich ab und trat auf das Geschäft ein.
Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau und Verfasser der ursprünglichen Motion, beantragte die Einführung seines «Flat Rate»-Modells. Es nutzt dieselbe Datengrundlage wie das Solidaritätsmodell, verzichtet aber auf einen Solidaritätsfaktor: Jede Mitgliedkirche zahlt denselben einheitlichen Prozentsatz ihrer Einnahmen. Die Synode entschied sich deutlich für das neue Solidaritätsmodell, das der Rat beantragt hatte und gegen das Flat Rate-Modell und hat in der Folge den neuen Beitragsschlüssel mit lediglich zwei Gegenstimmen verabschiedet.
Rechenschaftsbericht, Rechnung und Décharge 2025
Die Synode genehmigte den Rechenschaftsbericht und die Jahresrechnung 2025 und erteilte dem Rat die Décharge – also die Entlastung für seine Geschäftsführung im vergangenen Jahr. Die Rechnung schliesst mit einem Aufwandsüberschuss von rund 10’000 Franken und damit deutlich besser als budgetiert (Voranschlag: rund 79’000 Franken Minus); der Fehlbetrag wird dem Organisationskapital belastet.
Ausblick
Am Dienstag setzt die Synode ihre Beratungen fort. Auf dem Programm stehen unter anderem Informationen des Rates, die Seelsorge für Asylsuchende in den Bundesasylzentren, das Ökumenische Institut Bossey, die Jahresberichte der kirchlichen Werke HEKS und fondia, die Beiträge an die Missionsorganisationen sowie die Zusammensetzung der Synode für die Amtsdauer 2027–2030.